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Pressemitteilungen

Die Stasi und die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR

DIPF-Auswertungen von Archivmaterial belegen: 100 von 700 überprüften Beschäftigten der Akademie-Zentrale in Ostberlin waren für das Ministerium für Staatssicherheit tätig.

Das Verhältnis von pädagogischer Wissenschaft und dem Ministerium für Staatssicherheit (kurz: die Stasi) in der DDR ist bislang wenig beleuchtet worden. Eine nun veröffentlichte Untersuchung von Professor Dr. Ulrich Wiegmann, Bildungshistoriker der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), trägt dazu bei, diese Lücke zu schließen. Der Forscher hat sich auf die Zentrale der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften (APW) in Ostberlin konzentriert und 15 Jahre lang die Akten der APW-Beschäftigten in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde recherchiert und ausgewertet. Als ein Ergebnis belegen die Arbeiten den hohen Einfluss des Geheimdienstes auf die Akademie, die kurz vor dem Mauerfall 1989 allein in Ostberlin fast 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählte: „Von 700 überprüften Beschäftigten der APW-Zentrale hatten sich rund 14 Prozent nachweislich zur Kooperation mit dem Ministerium für Staatssicherheit verpflichtet“, so Professor Wiegmann.

Über die Anteile von Inoffiziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (IM) in der Akademie hinaus, wurden in der Untersuchung viele weitere Fragen in den Blick genommen: Wie wurden die pädagogischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Stasi-Mitarbeit rekrutiert, welche Aufgaben mussten sie im Verborgenen erfüllen, wie ließ sich die wissenschaftliche Wahrheitssuche mit der Bindung an die Stasi und der Beschattungstätigkeit vereinbaren und wie verhielten sich die IM nach ihrer „Abschaltung“ im Zuge der Auflösung des Ministeriums im Herbst 1989. Antworten hierzu liefert Wiegmann, indem er die Werdegänge der einzelnen IM nachzeichnet. Dazu verwendet er ihre Decknamen wie beispielsweise Hermann Fischer, Otto Löscher oder einfach nur Doktor – auch um eine Enttarnung zu vermeiden. Wiegmann erläutert: „Anhand der Akten lassen sich die geheimdienstlichen Karrieren der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachvollziehen. Es ergibt sich ein komplexes Bild des Einflusses der Stasi auf die Akademie, das manchmal banal, andererseits auch wieder bedrückend anmutet.“

So zeigt sich zum Beispiel, dass die APW-Beschäftigten insgesamt politisch überwiegend angepasst agierten und ihre fortlaufende Überwachung daher eigentlich wenig Sinn machte. Dennoch wirkte der Geheimdienst mit Nachdruck und erfolgreich darauf hin, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an maßgeblichen Stellen der Akademie zu platzieren. Von diesen Führungspositionen aus setzten sich die ehemaligen IM nach dem Fall der Mauer für ein Fortleben der Akademie im vereinigten Deutschland ein – was aufgrund der wissenschaftspolitischen Entwicklungen jedoch unerfüllt blieb.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind unter dem Titel „Agenten – Patrioten – Westaufklärer“ im Metropol-Verlag erschienen: http://bbf.dipf.de/aktuelles/neuigkeiten/wiegmann-agenten

Professor Wiegmann erläutert seine Arbeiten und die Hintergründe der Thematik außerdem ausführlich in einem frei verfügbaren Video: http://bit.ly/Wiegmann_APW_Stasi_Video

Kontakt
Studie: Prof. Dr. Ulrich Wiegmann, +49 (0)30 293360-46, wiegmann@dipf.de
Presse: Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, stirm@dipf.de

zuletzt verändert: 21.09.2015