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Apropos DIPF

Nachruf

Das DIPF trauert um Prof. Dr. Martin Baethge, der am 4. Januar 2018 verstorben ist. Er hat die vom DIPF koordinierte nationale Bildungsberichterstattung von Anfang an entscheidend geprägt.

Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Nachruf zu Prof. Dr. Martin Baethge von Prof. Dr. Hans-Peter Füssel.


Martin Baethge: er fehlt

Völlig unerwartet und nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb Martin Baethge, Professor für Soziologie an der Universität Göttingen, 78jährig am 4. Januar 2018. Unmittelbar vor dem Weihnachtsfest des letzten Jahres hatten wir noch besprochen, was in welchen gemeinsamen Beitrag wie formuliert werden sollte, wie das weitere Vorgehen sein sollte und was an Aktivitäten im Jahre 2018 anstände. Voller Tatendrang war er – und nun ist er so plötzlich nicht mehr unter uns.

Martin Baethge war – allein dies in der Vergangenheitsform zu sagen, fällt schwer – der wichtige deutsche Berufs- und Bildungssoziologe, er hat die deutsche Soziologie nachhaltig geprägt. Martin Baethge, aus einem Pfarrerhaushalt stammend und nach dem frühen Tod des Vaters in Göttingen aufgewachsen, war und blieb Zeit seines Lebens Göttinger: nach dem Schulbesuch und dem Studium der Soziologie, der Pädagogik, der Philosophie und der Politikwissenschaft in Göttingen (der kurze Abstecher nach Berlin zählt nicht) wurde Martin Baethge bei Hans-Paul Bahrdt Assistent am Institut für Soziologie an der Universität Göttingen. Die dort verfasste Dissertation mit dem sperrigen, aber klaren Titel „Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik: Das Verhältnis von Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik – dargestellt am Beispiel der bildungspolitischen Aktivitäten der unternehmerischen Spitzenverbände. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Bildungssoziologie“ geriet in Göttingen in den Strudel der hochschulpolitischen Auseinandersetzungen, so dass Martin Baethge dann schließlich 1969 in Hannover promoviert wurde. 1973 folgte der Ruf auf eine Professur für Soziologie an der Universität Göttingen, Rufe an die Technische Universität Berlin und die Universität Bielefeld lehnte der Ur-Göttinger ab.

Bereits 1968 war Martin Baethge Mitbegründer des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) in Göttingen, dem er bis zum Ende seines Lebens als Präsident angehörte. Es war und blieb „sein Institut“, das er täglich aufsuchte, auch noch lange nach seinem im Jahre 2004 erfolgten Ausscheiden aus Lehre und Forschung an der Universität Göttingen. Dort und von dort aus blieb Martin Baethge weiter aktiv und produktiv – bis zu dem unmittelbar vor Weihnachten noch erschienenen „Ländermonitor Berufliche Bildung 2017“.

Mit dem Inhalt der Dissertation war bereits die Richtung der zukünftigen Forschung von Martin Baethge bestimmt: es ging ihm immer um die Perspektive der arbeitenden Menschen, deren Situation in der Arbeitswelt und dabei insbesondere um die nichtakademische berufliche Bildung. Den „Verlierern“ galt sein Augenmerk, den Hauptschülerinnen und Hauptschülern, den Behinderten und den Geflüchteten sowie denjenigen, die im „Übergangssystem“ auf den Eintritt in berufliche Bildung warten mussten: „Ausbildungs- und Berufsstartprobleme von Jugendlichen“ hieß eines der Werke von Martin Baethge aus dem Jahre 1978.

Bereits 1975 hatte Martin Baethge seinen ersten Beitrag zum Thema „Bildungsforschung“ verfasst (für den damaligen Bildungsrat), ein Bildungsforscher war und blieb er Zeit seines Lebens, breit anerkannt als Fachmann weit über Fragen der beruflichen Bildung hinaus. Probleme erkennend und benennend, diese analysierend und dann druckreif darstellend, das zeichnete den politische denkenden Martin Baethge immer aus – so auch schon als Chefredakteur der Göttinger Studentenzeitschrift „Politikon“, die sich bereits im Januar 1965 mit der damals tabuisierten Rolle der Göttinger Universität im „Dritten Reich“ befasste.

Zu den Hauptprojekten der letzten Jahre zählte die nationale Bildungsberichterstattung, an der Martin Baethge von Anbeginn konzeptionell und inhaltlich prägend mitgewirkt hatte, weit über die von ihm primär bearbeitende Bereiche der Beruflichen Bildung und der Weiterbildung hinaus. Hier war er in einem der zentralen, unter der Federführung des DIPF durchgeführten Projekte ein immer anregender und politisch denkender Partner, ein präzise Analysierender und Argumentierender, ein unermüdlicher und immer aktiver, bereitwillig Arbeit übernehmender Autor – und den Kolleginnen und Kollegen ein immer auch persönlich Zugewandter. Alle am Bildungsbericht Beteiligten sind vom plötzlichen Tod ihres Mitstreiters tief betroffen und haben dies auch öffentlich zum Ausdruck gebracht.

Martin Baethge war aber nicht nur der exzellente Wissenschaftler, dessen Stimme nun nicht mehr zu vernehmen sein wird. Es gab auch den „privaten“ Martin Baethge, den Familienmenschen inmitten einer großen Verwandtschaft, den fürsorglichen Ehemann, den stolzen Vater und den begeisterten Großvater. Martin Baethge war auch Genießer, von gutem Essen und besonderen (Rot-)Weinen, am liebsten im Kreise von Freundinnen und Freunden. Und er war ein Genießer schöner Musik: ein Zitat aus dem 1. Petrusbrief, das Johannes Bahms in seinem „Deutschen Requiem“ eindrucksvoll vertonte, setzte die Familie an den Anfang ihrer Traueranzeige. Dass Musik dann auch die Trauerfeier umrahmte, das entsprach Martin Baethge, wie man ihn kannte.

Der streitbare und zugleich immer liebenswerte Kollege, der zugewandte und anteilnehmende Freund fehlt uns nun. Die große Lücke, die er hinterlässt, nun wirklich zu begreifen und in seinem Sinne weiterzuwirken, das fällt allen schwer, die Martin Baethge kennen und schätzen lernen durften: eine tiefe Anerkennung und eine große Dankbarkeit gegenüber Martin Baethge, die wird bleiben.

zuletzt verändert: 24.01.2018