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Damit sich Bildung weiter lohnt: Aus- und Umbaubedarf im Bildungssystem

Der neue nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2018“ hält fest: Bildung wirkt sich nicht nur auf die Erwerbsbeteiligung und das Einkommen positiv aus, sondern auch auf die gesellschaftliche Teilhabe, die Zufriedenheit und die Gesundheit. Zugleich macht der Bericht deutlich, dass aktuelle Trends und Probleme im Bildungssystem steigenden Handlungsbedarf mit sich bringen. Dazu gehören etwa die zunehmende Vielfalt in den Kitas und Schulen sowie eine sich abzeichnende Polarisierung zwischen den Bildungsbenachteiligten und der Leistungsspitze. Verstärkte Investitionen und Koordinationsbemühungen sind notwendig, um diesen Entwicklungen zu begegnen – damit sich Bildung weiter lohnt.

„Bildung ist ein Wert an sich: Dieser Grundsatz bestätigt sich erneut durch die aktuellen Analysen des Bildungsberichts“, sagt Professor Dr. Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Er ist der Sprecher der wissenschaftlichen Autorengruppe, die den Bericht als systematische und umfassende Bestandsaufnahme alle zwei Jahre auf Basis von amtlichen Statistiken und sozialwissenschaftlichen Studien erstellt. Professor Maaz betont allerdings: „Das Bildungssystem steht an vielen Stellen vor drängenden Herausforderungen, die eine größere Abstimmung aller Beteiligten erforderlich machen. Es wäre zum Beispiel sinnvoll, sich über gemeinsame Qualitätsstandards oder Bildungsangebote, die auch über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sind, zu verständigen.“

Die neue Ausgabe des nationalen Bildungsberichts widmet sich den Wirkungen und Erträgen von Bildung in einem Schwerpunktkapitel. Darin wird zum einen deutlich, dass sich Bildung für jeden Einzelnen lohnt. Zum Beispiel verdienen Akademikerinnen durchschnittlich fast acht Euro pro Stunde mehr als Frauen mit einer beruflichen Ausbildung. Bei den Männern macht der Unterschied sogar neun Euro aus. Auch Staat und Gesellschaft profitieren von einem Mehr an Bildung: Beispielsweise gehen 57 Prozent der 18- bis unter 40-Jährigen mit Hochschulreife wählen. Mit einem Hauptschulabschluss sind es nur 41 Prozent. Zugleich zeigt sich erneut, dass nicht alle den gleichen Zugang zu Bildung haben. Dieser unterscheidet sich vor allem nach sozialer Herkunft, Migrationshintergrund, Region und Geschlecht.

 

Als weitere zentrale Trends und Problemlagen hält der Bildungsbericht fest:

  • Mehr Bildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer: Die langjährige Tendenz, dass immer mehr Personen an Bildung teilhaben, setzt sich fort. Hintergrund ist neben den erhöhten Zuwanderungszahlen, dass die Zahl der Geburten seit fünf Jahren wieder ansteigt: zuletzt auf rund 792.000 im Jahr 2016.
  • Trend zu höherer Bildung: Schülerinnen und Schüler streben nach höheren Schulabschlüssen und erreichen sie auch. So ist beispielsweise der Anteil der Absolventinnen und Absolventen mit Abitur von 34 Prozent im Jahr 2006 auf 43 Prozent im Jahr 2016 angewachsen. Der Anteil von Auszubildenden mit Hochschulreife und die Studiennachfrage steigen ebenso. Und die meisten Studierenden schließen nach dem akademischen Erstabschluss einen Master an.
  • Unterschiede zwischen Bildungsbenachteiligten und Leistungsspitze: Nicht alle halten mit dem Trend zu mehr Bildung Schritt. Die Kluft zwischen denen, die ihre Bildungserfolge Schritt für Schritt steigern, und jenen mit schlechteren Start- und Entwicklungschancen droht größer zu werden. Beispielsweise nehmen Kinder von Eltern mit einer beruflichen Ausbildung ohne Abitur nur zu 24 Prozent ein Studium auf. Akademikerkinder studieren dagegen in 79 Prozent der Fälle.
  • Wachsende Heterogenität in den Bildungseinrichtungen: Migration und Inklusion, aber auch die erweiterte Durchlässigkeit der Bildungsangebote führen dazu, dass die Kitas und Schulen immer unterschiedlicheren Ausgangslagen der Teilnehmenden gerecht werden müssen. So ist etwa die Anzahl der Kinder in Kindertagesbetreuung, die in der Familie vorrangig nicht Deutsch sprechen, zwischen 2006 und 2017 von 363.000 auf 553.000 gestiegen.
  • Unterschiedliche Entwicklungsperspektiven von Bildungsregionen: Es zeigen sich verstärkte regionale Unterschiede in der Frage, wie Bildungsangebot und -nachfrage zueinander passen. Das hat Folgen für die Attraktivität der Regionen als Arbeits-, Bildungs- und Wohnort. Zum Beispiel bilden Unternehmen in Ostdeutschland immer weniger aus: Der Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist dort deutlich stärker gesunken (auf 3,6 Prozent im Jahr 2016) als in Westdeutschland (5,2 Prozent).

Angesichts dieser Entwicklungen sieht der Bericht in folgenden Bereichen Handlungsbedarf:

  • Aus- und Umbau von Bildungsinstitutionen: Es braucht mehr Plätze in Kitas und Schulen. Außerdem sollten die Bildungsangebote über Ländergrenzen hinweg leichter zu vergleichen sein, flexibler auf Anforderungen reagieren können und ihre Kooperationsstrukturen ausbauen. Diese Entwicklungen können nur durch erhebliche Investitionen eingeleitet werden.
  • Personalentwicklung und -ausbau: Um die gestiegene Bildungsnachfrage adäquat bedienen zu können, ist es notwendig, mehr Fachpersonal aus-, fort- und weiterzubilden. Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger können die Entwicklung unterstützen, aber nur bei entsprechender Qualifizierung. Die politischen Maßnahmen der Personalgewinnung sollten zu einem übergreifenden Gesamtkonzept zusammengefasst werden.
  • Verständigung über Qualitätsmaßstäbe: Während sich im Schulbereich der Lernerfolg als Qualitätsmaßstab etabliert hat, fehlt es in den übrigen Bildungsbereichen an einheitlichen Gütekriterien. Erreichbarkeit, Chancengerechtigkeit, Durchlässigkeit, Finanzierbarkeit und Vergleichbarkeit der Bildungsangebote bieten hierzu Ansatzpunkte. Das gilt auch für die Ausstattung der Einrichtungen – etwa mit IT-Infrastruktur.
  • Veränderte Datengrundlagen für die Qualitätsentwicklung: Alle Bildungsbereiche könnten von Daten zur Entwicklung der Lernleistungen profitieren. Die Daten bilden die Basis des Bildungsmonitorings. Bildungseinrichtungen können sie zudem für die Qualitätsentwicklung nutzen. Entsprechende (Trend-) Erhebungen erfolgen allerdings bislang nur in Grundschule und Sekundarbereich I.
  • Koordinierte Steuerung als gemeinsame Gestaltungsaufgabe: Die vorgestellten Herausforderungen erfordern Abstimmung und Kooperation zwischen den Beteiligten. Angesichts der Verantwortlichkeiten im Bildungsbereich stellt sich die Frage, wie neue Formen der Zusammenarbeit und Koordination zwischen Bund, Ländern und Kommunen entwickelt werden können.

Weitere Informationen: www.bildungsbericht.de

 

Kontakt

Bildungsbericht: Prof. Dr. Kai Maaz, DIPF, +49 (0)30 293360-45, bWFhekBkaXBmLmRl

Presse: Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, c3Rpcm1AZGlwZi5kZQ==, www.dipf.de

Über den nationalen Bildungsbericht:

Der Bericht „Bildung in Deutschland“ wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellt, die folgende Einrichtungen vertreten: Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF, Federführung), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen (SOFI) sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (Destatis und StLÄ). Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördern die Erarbeitung des Berichts.

Über das DIPF:

Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) mit Sitz in Frankfurt am Main und in Berlin trägt mit empirischer Bildungsforschung, digitaler Infrastruktur und gezieltem Wissenstransfer dazu bei, Herausforderungen im Bildungswesen zu bewältigen. Das von dem Leibniz-Institut erarbeitete und dokumentierte Wissen über Bildung unterstützt Wissenschaft, Politik und Praxis im Bildungsbereich – zum Nutzen der Gesellschaft.

zuletzt verändert: 22.06.2018