7,5 Fragen an Prof. Dr. Kai Maaz
Wenn Sie an die 75-jährige Geschichte des Instituts denken: Welcher Moment steht für Sie sinnbildlich für den besonderen Geist des DIPF?
Den einen Moment gibt es für mich nicht. Seit 75 Jahren steht das DIPF für einen besonderen Geist: Es geht darum, Bildung als demokratische Aufgabe zu begreifen und Wissen über Bildung zu erforschen, zu bewahren und zugänglich zu machen. Ziel ist dabei, dieses Wissen zu erneuern, die Bildungswirklichkeit empirisch sichtbar zu machen und Verantwortung an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Praxis zu übernehmen. Und dafür arbeitet unser Institut interdisziplinär, international und unabhängig – mit dem Anspruch, Orientierung zu geben, ohne zu vereinfachen.
Wenn das DIPF ein Mensch wäre: Welche drei Charakterzüge würde das Institut am besten beschreiben?
Reflektiert, weil das DIPF seine Rolle im Bildungssystem kritisch hinterfragt und empirisch fundiert handelt. Verantwortungsbewusst, weil Forschung bei uns immer mit gesellschaftlicher Wirkung verbunden ist. Offen für Neues, weil wir diese Haltung erkennbar leben. Zugleich muss sie aber weiter geschärft werden. Denn Innovation verlangt stets auch den Abschied von Veraltetem und Überflüssigem – besonders unter enger werdenden finanziellen Spielräumen.
Welche der vielen Veränderungen in der Bildungslandschaft hätten Sie vor ein paar Jahren selbst nicht für möglich gehalten?
Ich hätte nicht erwartet, dass Governance – also die Steuerung durch Bildungsverwaltung und die damit verbundenen Prozesse – selbst so deutlich zum Reformthema wird. Aktuell passiert das im Startchancen-Programm. In der Bereitschaft, Steuerungs- und Verantwortungsstrukturen lernender zu gestalten, liegt eine reale Chance für mehr Wirksamkeit und Gerechtigkeit. Entscheidend ist nun die konsequente Umsetzung. Zugleich überrascht mich, wie viel Energie weiterhin in folgenlosen Strukturdebatten gebunden wird, etwa bei dem Hin und Her zwischen G8 und G9.
Welche unbequeme Wahrheit über das deutsche Bildungssystem spricht man Ihrer Meinung nach viel zu selten aus?
Eine unbequeme Wahrheit ist, dass viele Probleme des Bildungssystems ihren Ursprung in der Vergangenheit haben und sich nicht durch Aktionismus oder Einzelprojekte lösen lassen. Die Anforderungen an Bildung sind heute grundlegend andere als früher, während Schule in zentralen Strukturen, Routinen und Steuerungslogiken vielfach in der Vergangenheit verhaftet bleibt. Überlastung entsteht genau dort, wo neue Erwartungen auf alte Logiken treffen. Was es von Seiten der politischen Steuerung braucht, sind klare und zukunftsorientierte Ziele, Prioritäten und Verantwortlichkeiten sowie den Mut, systemische Widersprüche abzubauen.
Lernen braucht Anerkennung und passende Voraussetzungen. Wenn wir Kinder ganzheitlich sehen, können sie auch die Basiskompetenzen erreichen – und noch viel mehr.
Was war der wichtigste Rat, den Sie von einem*einer Wegbegleiter*in erhalten haben und warum?
Eine sehr kluge Person hat mir einmal geraten: „Glaube an dich selbst und folge dem, was dich wirklich anzieht – unabhängig von bisherigen Wegen.“ Dieser Rat hat mich sehr geprägt. Denn er hat mich in meiner Laufbahn ermutigt, einen Weg jenseits naheliegender Erwartungen zu gehen, der mich vom Werkzeugmacher zum Geschäftsführenden Direktor dieses wunderbaren Instituts geführt hat.
In welchen Situationen haben/hatten Sie ganz besonders das Gefühl "Genau darum mache ich das"?
Ein solcher Moment war, als Jugendliche auf einer von uns organisierten Netzwerktagung mit einem selbstgeschriebenen Rap vor großem Publikum Anerkennung erfuhren. Ein Schulleiter sagte später: „Die Jungs müssen singen, dann lernen sie auch lesen.“ Da wurde mir klar, wofür wir diesen Weg gehen. Lernen braucht Anerkennung und passende Voraussetzungen. Wenn wir Kinder ganzheitlich sehen, können sie auch die Basiskompetenzen erreichen – und noch viel mehr. Eine Einsicht, nach der im System noch zu selten gehandelt wird.
Welche Superkraft hätten Sie gerne und warum?
Wenn ich mir eine Superkraft wünschen dürfte, wäre es, für eine Weile die Zeit anzuhalten. Denn dann könnte ich die vielen Gedanken, Ideen und Beobachtungen, die mir während meiner Arbeit kommen, in Ruhe ordnen und zu Papier bringen. Oft entsteht Erkenntnis erst im Innehalten. Mehr Zeit für genau dieses konstruktive Innehalten wäre daher wohl meine wirksamste Superkraft.
Wenn ich an die Zukunft des DIPF denke, dann wünsche ich mir...
…, dass es seine einzigartige Funktion konsequent weiterentwickelt: als Ort, an dem Bildungsforschung, Infrastruktur und Transfer zusammengedacht werden, an dem Grenzen überschritten werden dürfen und an dem Evidenz handlungsleitend wird – für ein Bildungssystem, das lernfähig ist und allen Kindern reale Chancen eröffnet.