Kinder mit Lernstörungen unterstützen

Nach vier Jahren Entwicklungsarbeit bietet die Onlineplattform LONDI umfangreiche Informationen zu Lernstörungen, ein Lexikon zum Nachschlagen, ein Hilfssystem für Fachpersonal zur Unterstützung individueller Diagnostik sowie ein Online-Screening für Grundschulkinder.

Editorial

Editorial

Besondere Lernschwierigkeiten im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen werden oft zu spät erkannt und betroffene Kinder nicht bestmöglich gefördert. LONDI macht wissenschaftliche Erkenntnisse praktisch nutzbar, indem Informationen, Screening, Diagnostik und passgenaue Förderung in einer evidenzbasierten Online-Plattform zusammengeführt werden für professionelles Handeln mit nachhaltigem Wirkungspotenzial für Schule, Therapie und Beratung.

Autor*innen: Kathleen Thomas, Jelena Marković & Marcus Hasselhorn, Kontakt: Kathleen Thomas

Die Vorgeschichte

Die Vorgeschichte

Das Koordinationsprojekt zum BMBF-Schwerpunkt „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ bildete die Grundlage für die spätere LONDI-Plattform, die heute im Einsatz ist.

Obwohl Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörungen weit verbreitet sind, blieb deren frühzeitige Diagnostik und evidenzbasierte Förderung in Deutschland lange unzureichend. Der Forschungsschwerpunkt „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (ESF)“ schuf ab 2010 eine neue Wissensbasis, entwickelte diagnostische Verfahren und wirksame Förderkonzepte.  

Unzureichende Diagnostik und Förderung: ein drängendes Problem

Viele Kinder mit Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen werden erst sehr spät oder gar nicht erkannt. Es gibt nur wenige evidenzbasierte Förderkonzepte – und wenn individuell gefördert wird, erstreckt sich dies oft nicht auf die gesamte Schulzeit. 

Schüler*innen mit solchen Schwierigkeiten haben häufig trotz guter kognitiver Fähigkeiten große Probleme in der Schule, sind oft Mobbing-Opfer und entwickeln häufig Ängste oder Depressionen.

Fast jedes fünfte Kind in Deutschland erfüllt in der Mitte der Grundschulzeit die Kriterien einer Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten. Das zeigt, wie dringend bessere Diagnostik und gezielte Förderung benötigt werden. Diese zu entwickeln war das Ziel des BMBF-Forschungsschwerpunkts zu Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten.

  • Förderzeitraum: 2010 bis 2017 in zwei Phasen
  • Verbundprojekt mit 13 Forschungsprojekten und einer Koordinierungsstelle
  • Beteiligte: Ludwig-Maximilians-Universität München, DIPF, Universität Oldenburg, Universität Münster, Universität Hildesheim, Justus-Liebig-Universität Gießen, Technische Universität Kaiserslautern, Universität Kassel, Universität Potsdam, Uniklinik Zürich, Uniklinik Lübeck, Freie Universität Berlin, DRK Kliniken Berlin, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Goethe-Universität Frankfurt, Max-Planck-Institute Berlin, Universität Würzburg, Universität Hannover

In 13 Forschungsprojekten des BMBF-Forschungsschwerpunkts „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (ESF)“ wurden Förderkonzepte sowie Methoden zur Früherkennung und Prävention entwickelt und getestet. Die Projekte deckten ein breites inhaltliches und methodisches Spektrum ab und zeigten, wie vorteilhaft interdisziplinäre Zusammenarbeit für die praktische Umsetzung und den Nutzen der Forschungsergebnisse ist. Unterstützt wurden sie von einer interdisziplinären Koordinierungsstelle am DIPF in Frankfurt und an der LMU München.

Junge am Tablet und ComputerspielFür Grundschulkinder wurden neue computerbasierte Förderprogramme entwickelt.

Die Ergebnisse des Forschungsschwerpunkts bildeten die Basis für die Onlineplattform

Im Rahmen des BMBF-Forschungsschwerpunkts wurden wichtige Erkenntnisse gewonnen, die dabei helfen, Fördermaßnahmen für Kinder gezielt und effektiver einzusetzen. Besonders wurde untersucht, welche diagnostischen Informationen entscheidend sind, um den Erfolg von Fördermaßnahmen zu steigern. Es wurde gezeigt, welche Förderansätze in Abhängigkeit von den individuellen Voraussetzungen der Kinder besonders wirkungsvoll sind. Die Untersuchungen zeigten, dass Kinder mit Risiken für eine Lernstörung frühzeitig identifiziert werden können und unterstreichen die hohe Bedeutung gezielter und angemessener Diagnostik für den erfolgreichen Einsatz einer oder mehrerer adaptiver Fördermaßnahmen. Zudem wurden im Rahmen der Forschung drei neue computerbasierte Förderprogramme entwickelt und auf ihre Wirksamkeit überprüft.
Um diese Forschungsergebnisse flächendeckend für die schulische und außerschulische Förderung von Kindern mit anhaltenden Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen nutzbar zu machen, wurde das LONDI-Projekt ins Leben gerufen. Ziel des Projekts ist es, eine praxisorientierte, evidenzbasierte und online zugängliche Diagnose- und Förderplattform zu entwickeln.

Das Projekt

Das Projekt

In LONDI wurde eine Online-Plattform mit wissenschaftlich abgesicherten Informationen über Lernstörungen und Tools zur Unterstützung betroffener Kindern entwickelt.

Die Expertise von Forschenden verschiedener Fachrichtungen und von Fachkräften der Bildungspraxis floss in die LONDI-Plattform ein, um sowohl den professionellen Nutzenden als auch Eltern gerecht zu werden und alle Gruppen gleichermaßen anzusprechen.

Eine Plattform für praktisch Tätige aus Schule, Therapie und Jugendhilfe – und auch für Eltern

Die Forschungsergebnisse des Vorgängerprojektes sind in die Entwicklung der LONDI-Onlineplattform eingeflossen. In Kooperation mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München widmeten wir uns daher der entscheidenden Frage, wie sich evidenzbasierte Informationen und praxisrelevante Entscheidungshilfen zur Diagnostik und Förderung für unterschiedliche Nutzer*innengruppen bereitstellen lassen.

Einerseits mussten professionelle Nutzer*innen wie Lehrkräfte, Lerntherapeut*innen, Schulpsycholog*innen und Mitarbeitende der Jugendhilfe berücksichtigt werden, die Zugriff auf ein Informations- und Hilfssystem erhalten sollten. Mit dessen Hilfe sollte die Diagnostik individuell vorliegender Lernschwierigkeiten unterstützt werden und darauf aufbauend die nach aktuellem Forschungsstand besten Fördermöglichkeiten identifiziert werden. Andererseits sollten auch die Eltern der betroffenen Kinder auf der Plattform berücksichtigt werden: Ziel war es, einen eigenen Bereich zu schaffen, in dem sie sich über das Thema Lernschwierigkeiten, deren Erkennung, Diagnostik und Behandlung informieren und auch Hilfe finden können, wie sie ihr Kind zuhause am besten unterstützen.

Drei Bausteine bestimmen den Onlineauftritt: Informationsportal, Hilfssystem und Screening

Bei der Entwicklung der LONDI-Onlineplattform haben wir eng mit Vertreter*innen der Deutsch- und der Mathematikdidaktik sowie Vertreter*innen der Nutzer*innengruppen zusammenarbeitet. Hierzu gehören die Schulpsychologie, die Kommunale Jugendhilfe, Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten sowie Eltern betroffener Kinder. Letztendlich wurde die Plattform mit drei wesentlichen Bausteinen aufgebaut:

Erstellung des LONDI-Informationsportals

Die LONDI-Onlineplattform soll Fachkräfte und Eltern dabei unterstützen, Kinder mit Lernschwierigkeiten in Lesen, Rechtschreiben und/oder Rechnen besser zu begleiten. Daher integrierten wir als einen wichtigen Bestandteil der Plattform ein Informationsportal, das verlässliche Informationen zu Lernschwierigkeiten und Entwicklungsstörungen bietet. Es enthält allgemeine Informationen zur Diagnostik und Förderung von Lernstörungen sowie spezifische Handlungsempfehlungen für die verschiedenen Nutzer*innengruppen.

Screenshot LONDI-Informationsportal

LONDI-Hilfssystem zur Diagnostik & Förderung

Für die Entwicklung des LONDI-Hilfssystems führten wir eine gründliche Recherche von diagnostischen Testverfahren und Förderprogrammen im deutschsprachigen Raum durch. Dabei berücksichtigten wir Verfahren für die schulischen Bereiche Lesen, Rechtschreiben und Rechnen sowie Programme zur Förderung bei Lernschwierigkeiten in verschiedenen Altersgruppen. Für jedes Diagnoseinstrument und Förderprogramm wurde in Anlehnung an internationale Qualitätssicherungssysteme eine wissenschaftliche Bewertung vorgenommen. Dabei wurde festgelegt, welche Diagnostik- und Förderbereiche abgedeckt werden und unter welchen Bedingungen sie besonders für Kinder mit bestimmten Lernstörungen hilfreich sind. Außerdem entwickelten wir ein generisches Kompetenzstufen-Modell, das es ermöglicht, basierend auf den Diagnoseergebnissen die passenden Förderprogramme auszuwählen.

Screenshot des LONDI-Hilfssystems

LONDI-Screening

Um fundierte Hinweise darauf zu erhalten, ob und in welchem Bereich ein Kind besondere Lernschwierigkeiten hat, wurde für LONDI an der Universität Würzburg ein Online-Screening für Grundschulkinder entwickelt. Das Screening ist so konzipiert, dass es innerhalb einer Schulstunde durchgeführt werden kann und die wichtigen schulischen Fertigkeiten Lesen, Rechtschreiben und Rechnen abdeckt. Die einzelnen Bestandteile des Screenings wurden Schritt für Schritt auf Grundlage der aktuellen Forschungsliteratur entwickelt und in acht empirischen Studien wissenschaftlich geprüft. Es konnte gezeigt werden, dass das neu entwickelte, App-basierte Testverfahren zuverlässig Kinder mit Lernschwierigkeiten in den Bereichen Lesen, Rechtschreiben und Rechnen identifizieren kann. Das LONDI-Screening wurde von 2018 bis 2021 am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie der Universität Würzburg unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Richter, Prof. Dr. Wolfgang Lenhard und PD Dr. Peter Marx sowie dem Projektmitarbeiter Dr. Darius Endlich realisiert.

Screenshot des LONDI-Screenings

  • Förderzeitraum: LONDI 1 2017-2021 
  • Transferprojekt
  • Kooperationsprojekt zwischen dem DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie dem LMU Klinikum, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (LMU), gemeinsam verantwortet durch Prof. Dr. Marcus Hasselhorn (DIPF) und Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne (LMU).  
  • Beteiligte: Uni Würzburg, Uni Hildesheim, DRK Kliniken Berlin, Uni Potsdam, Uni Wuppertal, TU Dortmund

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse

Londi.de liefert Fachkräften und Eltern Informationen, unterstützt sie bei der individuellen Diagnostik und bietet ihnen ein ökonomisches Online-Screening, um betroffene Kinder leichter zu identifizieren.

Die praxisorientierte Onlineplattform bietet ein Informationsportal, ein Hilfssystem und ein kostenfreies Screening, um Lernschwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und Fachkräften sowie Eltern evidenzbasierte Unterstützung bei Diagnostik und Förderung zu ermöglichen.

Vier Bausteine für eine erfolgreiche Unterstützung 

Nach vier Jahren intensiver Recherche, Aufbereitung aller Informationen sowie umfangreicher Entwicklungsarbeit ging die Londi.de-Plattform online! Sie umfasst folgende Komponenten:

  • ein öffentlich zugängliches Informationsportal, das speziell auf die Bedarfe von Fachkräften und Eltern im Umgang mit Kindern mit Lernschwierigkeiten in den Bereichen Lesen, Schreiben und/oder Rechnen eingeht
  • einen lexikonartigen Wissensteil innerhalb des Informationsportals, der wichtige Begriffe erklärt und Hintergrundinformationen zu relevanten Themen bietet
  • ein Hilfssystem für Fachpersonal, das bei der individuellen Diagnostik und der daraus abgeleiteten Förderung von Kindern unterstützt
  • ein kostenfreies, zeitlich effizientes und automatisiertes Online-Screening für Grundschulkinder, das hilft, festzustellen, ob im Einzelfall besondere Lernschwierigkeiten vorliegen

LONDI-Glossar

Folgen und Impact

Folgen und Impact

Ein Nachfolgeprojekt evaluiert die Plattform. Ziel ist es, herauszufinden, wie sie erfolgreich verbreitet und genutzt werden kann, insbesondere in Schulen und der Lerntherapie.

Mit dem Folgeprojekt LONDI 2 wird die Onlineplattform nicht nur evaluiert, weiterentwickelt und für unterschiedliche Nutzer*innengruppen optimiert, sondern gezielt in der schulischen Praxis erprobt, um ihre Wirksamkeit, Nutzungsakzeptanz und Reichweite zu steigern.

Stetige Weiterentwicklung steigert Nutzen und Reichweite

Das große Ziel: Die LONDI-Plattform soll breit genutzt werden und wirksam sein.

  • Förderzeitraum: LONDI 2 2021 bis 2025
  • Transferprojekt
  • Kooperationsprojekt zwischen dem DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie dem LMU Klinikum, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (LMU), gemeinsam verantwortet durch Prof. Dr. Marcus Hasselhorn (DIPF) und Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne (LMU)

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt – das gilt auch für unsere LONDI-Plattform. Nachdem viel Zeit, Geld und Ressourcen in die Erstellung der Plattform investiert wurden, zielt das vom BMBF seit November 2021 geförderte Evaluations- und Implementationsvorhaben darauf ab, geeignete Bedingungen für eine erfolgreiche Einführung und Nutzung zu schaffen. Es untersucht, wie die LONDI-Onlineplattform in den verschiedenen Nutzer*innengruppen verbreitet und effektiv genutzt werden kann, und wird auf Basis der Ergebnisse die Plattform weiter optimieren. Ziel ist es, LONDI.de nach Abschluss des Projekts flächendeckend verfügbar zu machen.

Die Verbreitung und Reichweite der LONDI-Plattform, ihre Wirksamkeit, Akzeptanz bei den Nutzer*innen und die erfolgreiche Anwendung der Inhalte stehen bei LONDI 2 im Mittelpunkt.

So gehen wir vor: Erprobung der LONDI-Onlineplattform an Grundschulen

Die Nutzung der LONDI-Onlineplattform wird in einer Schulstudie am DIPF erprobt und dabei evaluiert. Ziel ist es, die Plattform schulspezifisch zu optimieren, um eine hohe Akzeptanz und Nützlichkeit bei Lehrkräften und Schulpsycholog*innen zu erreichen. Durch die Berücksichtigung technischer, inhaltlicher und pädagogischer Aspekte soll die Bereitschaft zur Nutzung gesteigert und der langfristige Erfolg der Plattform in der schulischen Praxis gesichert werden.

Kinder mit Lehrer im Klassenraum

Und so geht es weiter: Optimierung der LONDI-Onlineplattform für nachhaltige Nutzung

Die LONDI-Onlineplattform wird ständig verbessert, basierend auf Erkenntnissen darüber, wie ihre Verbreitung und Akzeptanz gesteigert werden können. Ziel ist es, den Nutzen der Plattformangebote zu erhöhen und eine langfristige Anwendung in Schulen, Familien sowie in der Lernförderung und -beratung zu sichern.
Seit ihrem Start im Jahr 2021 wurde die Plattform aufgrund von Rückmeldungen der Nutzer*innen mehrfach inhaltlich erweitert und strukturell sowie optisch angepasst. Im Schuljahr 2023/24 besuchten mehr als 31.000 Personen aus Deutschland die LONDI-Plattform. Da die meisten Zugriffe über mobile Geräte erfolgen, wurde die Plattform auch technisch für diese Nutzung optimiert.

Bildquellen

Seite: v. o. n. u: @DIPF, @Rido – stock.adobe.com