Neue Wege in der Lehramtsausbildung
Nachdem der Vorbereitungsdienst für angehende Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen 2011 reformiert wurde, untersuchen wir, wie sich diese Änderungen auf die Ausbildung auswirken und wie sie weiterhin verbessert werden kann.
Editorial
Die Impact Story zeigt, wie bildungswissenschaftliche Forschung zur Weiterentwicklung der Lehrkräfteausbildung beiträgt. Besonders spannend für uns war der enge Austausch zwischen Politik und Forschung, in dem wir erlebten, wie wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in den aktuellen Diskurs integriert und nachhaltig wirksam wurden – und so konkrete Impulse für die Gestaltung zukünftiger Ausbildungsstrukturen lieferten.
Autor*innen: David Simon & Mareike Kunter , Kontakt: Jürgen Schneider
Die Vorgeschichte
Nordrhein-Westfalen geht neue Wege in der Lehramtsausbildung.
Mit der Reform der Lehramtsausbildung in Nordrhein-Westfalen ab 2011 rückten praxisnahe Ausbildungsanteile, ein verpflichtendes Praxissemester und ein verkürzter, kompetenzorientierter Vorbereitungsdienst in den Fokus, um angehende Lehrkräfte besser auf den Schulalltag vorzubereiten.
Eine umfassende Reform verändert die Lehramtsausbildung
Das Projekt Evaluation des Vorbereitungsdienstes im Land Nordrhein-Westfalen untersucht mittlerweile in der dritten Phase die Effekte der Reform des Vorbereitungsdienstes für Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2011.
- Schwerpunkt: Differenzielle Bildungsbedingungen und Bildungsverläufe
- Abteilung: Lehr- und Lernqualität in Bildungseinrichtungen
- Arbeitsbereich: Schulisches Lehren und Lernen
- Bildungsbereiche: Schule, Weiterbildung
- Laufzeit: 01/2023 – 12/2025
- Finanzierung: Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen
Nordrhein-Westfalen geht neue Wege in der Lehramtsausbildung
Anfang der 2000er stand die Lehramtsausbildung in Nordrhein-Westfalen auf dem Prüfstand. Eine Ursache dafür war die Umstellung der universitären Ausbildung auf das Bachelor-Master-System. Ganz grundsätzliche Fragen standen in diesem Zusammenhang im Raum. Allen voran: Wie soll die Ausbildung überhaupt gestaltet werden?
Um besser auf Herausforderungen im Schulalltag reagieren zu können, sollte sie praxisnah und berufsbezogen sein. Deshalb beauftragte die damalige Landesregierung eine Expert*innenkommission, die Empfehlungen zur Verbesserung der Lehramtsausbildung in Nordrhein-Westfalen erarbeitete. Im Mai 2009 wurde schließlich ein neues Lehrerausbildungsgesetz verabschiedet. Eine wichtige Neuerung war die Ausweitung der Praxisphasen, die angehende Lehrkräfte absolvieren müssen und die Einführung eines Praxissemesters im „Master of Education“, das heute für viele Studierende ganz selbstverständlich ist. Diese Änderungen sollen sicherstellen, dass zukünftige Lehrkräfte besser auf die Anforderungen ihres Berufs vorbereitet sind.
Seit 2009 gibt es ein Praxissemester im Lehramtsstudium „Master of Education“ – damals eine wichtige Neuerung, heute für die Studierenden völlig selbstverständlich.
Doch nicht nur das Studium, sondern auch der Vorbereitungsdienst – auch bekannt als Referendariat – wurde in den Blick genommen und reformiert. In dieser Phase liegt der Fokus weniger auf der Vermittlung von Grundlagenwissen, sondern vielmehr auf der Entwicklung von Handlungskompetenz, die auf Reflexion basiert. Während das Studium darauf abzielt, die Studierenden auf die Praxis vorzubereiten, soll der Vorbereitungsdienst ihnen die nötige Sicherheit im Umgang mit Schüler*innen geben. So lernen angehende Lehrkräfte konkret, worauf es beim Unterrichten wirklich ankommt.
Der neue Vorbereitungsdienst für angehende Lehrkräfte trat am 1. August 2011 in Kraft. Er wurde von 24 Monaten auf nunmehr 18 Monate verkürzt und bringt ein neues ausbildungsdidaktisches Konzept mit sich.
Die wissenschaftliche Begleitung des Vorbereitungsdienstes: Das Forschungsprogramm BilWiss
In der Ausbildung von Lehrkräften in Nordrhein-Westfalen hat sich seitdem viel verändert. Teil des neuen Lehrerausbildungsgesetzes war auch, dass die Qualität der Ausbildung von der Landesregierung kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt wird. Da traf es sich gut, dass ein Forschungsverbund aus Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Universität Münster und Universität Duisburg-Essen ein großes Forschungsprojekt im Kontext des Vorbereitungsdienstes plante. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt BilWiss untersuchte, wie nützlich bildungswissenschaftliches Wissen (BilWiss) beim Berufseinstieg ist. Denn neben dem fachlichen und fachdidaktischen Wissen in ihren individuellen Fächerkombinationen erwerben angehende Lehrkräfte im Studium auch Kenntnisse im Bereich der Bildungswissenschaften. Diese Zusammenhänge sollten exemplarisch in einem der größten Bundesländer, nämlich Nordrhein-Westfalen untersucht werden.
Die enge zeitliche und räumliche Zusammenarbeit führte zur Erweiterung des ursprünglichen Projektvorhabens und zur Entstehung der ersten Projektphase unter Leitung von Mareike Kunter. Die Verantwortlichen wollten herausfinden, ob die Verkürzung des Vorbereitungsdienstes von 24 auf 18 Monate durch die qualitative Verbesserung der Ausbildungselemente ausgeglichen werden kann. Die wissenschaftliche Begleitung sollte es ermöglichen, gut ausgebildete Lehrkräfte in den Schuldienst zu bringen, die den vielfältigen Herausforderungen erfolgreich begegnen können.

Für die Evaluation wurde die erste Kohorte von Lehrkräften, die den neuen 18-monatigen Vorbereitungsdienst direkt nach der Reform durchliefen, wissenschaftlich begleitet und mit der letzten Kohorte verglichen, die noch den alten Vorbereitungsdienst absolvierte, und im Rahmen der BilWiss-Studie untersucht worden war. Es zeigte sich, dass schon kurz nach dem Inkrafttreten der Reform ein Großteil der neuen Lerngelegenheiten erfolgreich umgesetzt werden konnte und mit der Verkürzung kein Verlust der Ausbildungsqualität einherging.
Da immer wieder neue Herausforderungen auf Lehrkräfte warten, müssen sich auch die Anforderungen an deren Ausbildung weiterentwickeln. Und für uns galt: Nach dem Forschungsprojekt ist vor dem Forschungsprojekt – auch die bewährte Kooperation sollte fortgeführt werden.
Das Projekt
Mittlerweile untersuchen wir in der dritten Projektphase, welche Ausbildungselemente besonders hilfreich für die Entwicklung der angehenden Lehrkräfte sind – und welche nicht.
Um die langfristige Wirksamkeit der Reform zu bewerten, müssen gesellschaftliche Veränderungen und Einschnitte, etwa die COVID-19-Pandemie, berücksichtigt werden. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Frage, wie persönlichen Eigenschaften wie Wissen, Überzeugungen, Motivation und Selbstregulation in der Ausbildung gefördert werden können. Aber auch das Wohlbefinden der angehenden Lehrkräfte rückt in den Fokus.
Das Evaluationsprojekt begleitet die Reform langfristig
In der ersten Projektphase von 2011 bis 2016 stand die Frage im Mittelpunkt, ob die Verkürzung des Lehramtsvorbereitungsdienstes negative Auswirkungen auf die Entwicklung angehender Lehrkräfte hat. Die Hoffnung war, dass ein neues Ausbildungskonzept die verkürzte Zeit sinnvoll kompensieren könnte. Denn statt nur in der Schule zu lernen, werden Lehramtsanwärter*innen auch in speziellen Ausbildungszentren, den „Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung“ (ZfsL), geschult. Dort werden sie nicht nur fachlich unterstützt, sondern auch in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung gefördert. Sie erhalten beispielsweise ein individuelles Coaching, arbeiten in selbstgesteuerten Lerngruppen, setzen sich individuelle Ziele und dokumentieren ihren Fortschritt in Portfolios.
Die erste Kohorte angehender Lehrkräfte, die untersucht wurde, durchlief bereits den verkürzten Dienst, jedoch ohne das neu eingeführte Praxissemester. Daher sollte die zweite Phase des Projekts, die von 2018 bis 2022 lief, die veränderte Ausgangsbedingung sowie die langfristigen Folgen der Reform näher beleuchten.
Doch die COVID-19-Pandemie machte unserem Projektteam einen Strich durch die Rechnung. Die Pandemie veränderte das Leben aller drastisch und brachte neue Fragestellungen mit sich. Gleichzeitig war es aufgrund der Einschränkungen schwierig, die Auswirkungen auf die angehenden Lehrkräfte mit denen der vorherigen Kohorten zu vergleichen – das ist in unserem Forschungsalltag aber ein ganz zentrales Kriterium. Daher entschied sich das Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen, eine dritte Phase des Projekts (2023 – 2025) zu starten, um die Auswirkungen der Reform unter normalen Bedingungen und langfristig bewerten zu können.
- Projektphase 1 (2011 – 2016): Kombination der Evaluation mit dem Forschungsprogramm BilWiss (Goethe-Universität Frankfurt)
- Projektphase 2 (2018 – 2022): Evaluation des reformierten Vorbereitungsdienstes im Land NRW (Goethe-Universität Frankfurt)
- Projektphase 3 (2023 – 2025): Evaluation des Vorbereitungsdienstes im Land NRW (DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation)
Was sind gut ausgebildete Lehrkräfte?
Über alle Projektphasen hinweg stand der Wunsch, den Vorbereitungsdienst so zu optimieren, dass gut ausgebildete Lehrkräfte in den Schuldienst starten können.
Die zentrale Frage: Welche Ausbildungselemente wirken sich günstig auf eine positive Entwicklung der angehenden Lehrkräfte aus und welche sind eher hinderlich? Und natürlich auch: Was kann verbessert werden?
Aber was macht eine gut ausgebildete Lehrkraft aus? Wir verstehen unter professioneller Kompetenz die persönlichen Voraussetzungen, die für eine erfolgreiche Bewältigung der berufsspezifischen Aufgaben nötig sind. Damit sind spezielle Merkmale gemeint, die veränderlich sind und im Verlaufe der Ausbildung aufgebaut werden, zum Beispiel durch Erfahrungen im Unterricht, aber auch durch die erfolgreiche Nutzung der im Vorbereitungsdienst angebotenen Ausbildungselemente (Lerngelegenheiten). Für Lehrkräfte werden häufig die Aspekte Wissen, Überzeugungen, Motivation und selbstregulative Fähigkeiten unterschieden.
Messung und Reflexion der beruflichen Entwicklung von Lehrkräften
Für alle Aspekte professioneller Kompetenz haben sich Fragebögen etabliert, die die Konstrukte messbar und vergleichbar machen. Das gilt auch für das berufliche Verhalten, wie etwa das Unterrichten. Wir fragen die angehenden Lehrkräfte aber auch, wie es ihnen geht: Wie fühlen sie sich während des Vorbereitungsdienstes? Welche Ausbildungselemente haben ihnen geholfen, die Anforderungen zu bewältigen, und welche nicht? Was fanden sie besonders hilfreich, und welche Bereiche sollten verbessert werden?
In der aktuellen Projektphase haben wir zu diesem Zweck im Mai 2023 über 600 angehende Lehrkräfte direkt in den ersten Wochen ihres Vorbereitungsdientes in verschiedenen Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung besucht und befragt. Auch ihre Ausbildenden sollten zu Wort kommen und ihre Perspektive erläutern. Viele von ihnen nahmen an unseren Online-Befragungen teil.
Die Realität der Ausbildung aus der Perspektive der Lehrkräfte
Danach haben wir das Gespräch mit den angehenden Lehrkräften sowie deren Ausbildenden an ZfsL und Schulen gesucht. In fünf Gruppendiskussionen haben wir uns mit je sechs bis acht Personen getroffen und unseren Fragebogen sowie die Ergebnisse diskutiert. Wie sind wir vorgegangen, welche Ergebnisse habe sich aus der ersten Befragung ergeben? Wir wollten wissen, was die Betroffenen dazu sagen. Haben wir vielleicht etwas Wichtiges nicht bedacht?
Ein zentraler Schritt des Projekts war außerdem, die Ausbildungssituation vor Ort genau zu betrachten. Manche Erfahrungen ließen sich nicht durch Fragebögen erfassen, sondern wurden erst in persönlichen Gesprächen deutlich. In diesen Gesprächen fragten wir die angehenden Lehrkräfte auch, wie sie sich den idealen Vorbereitungsdienst vorstellen. In Zukunftswerkstätten arbeiteten wir gemeinsam an positiven Visionen für die Lehramtsausbildung.

Am Ende ihres Vorbereitungsdienstes, im September und Oktober 2024, haben wir die angehenden Lehrkräfte erneut befragt. Diesmal mit einem Fragebogen, der ihre Erfahrungen aus dem Vorbereitungsdienst erfasst und auch die Themen aufgreift, die in den Fokusgruppen und während des Projektverlaufs wichtig wurden.
Die gesammelten Daten werden anschließend ausgewertet und in den größeren Kontext der Lehrkräfteforschung eingeordnet. Unser Projekt ist Teil einer breiteren Forschungslandschaft und muss im Zusammenhang mit anderen Studien zum Beruf der Lehrkraft verstanden werden. Daher stellen wir unsere Datensätze auch anderen Forschenden zur weiteren Nutzung zur Verfügung.
Der Vorbereitungsdienst im öffentlichen Fokus – neue Fragestellungen während des Projekts
Der Vorbereitungsdienst ist nicht nur ein Thema für Bildungswissenschaftler*innen, sondern wird auch immer wieder in der Öffentlichkeit und in den Medien diskutiert – oft nicht in positiver Weise. Auch gesamtgesellschaftliche Themen wie die Digitalisierung und der Lehrkräftemangel beeinflussen die Diskussion. Im Verlauf des Projekts haben sich deshalb immer wieder neue Fragestellungen ergeben, während andere an Bedeutung verloren haben. In der aktuellen Projektphase liegt der Fokus stärker auf dem beruflichen Wohlbefinden und den Belastungen, die angehende Lehrkräfte in dieser wichtigen Berufsphase erleben.
Die Ergebnisse
Vieles läuft gut, manches kann optimiert werden. Hier gibt es Einblicke in die Ergebnisse.
Die Reform des Vorbereitungsdienstes in NRW gilt als weitgehend gelungen: Neue Ausbildungselemente wie Eingangs- und Perspektivgespräche, Coaching und kooperative Lernformate werden von angehenden Lehrkräften und Ausbildenden akzeptiert und unterstützen die Entwicklung professioneller Kompetenz – trotz verkürzter Ausbildungsdauer. An einigen Stellen zeigt sich aber auch Verbesserungsbedarf.
Der verkürzte Vorbereitungsdienst überzeugt qualitativ
Die bisherigen Ergebnisse belegen, dass die beschlossene Reform bereits ein Jahr nach ihrer Einführung erfolgreich umgesetzt wurde. Die neuen Ausbildungselemente sind sowohl den angehenden Lehrkräften als auch ihren Ausbildenden vertraut und finden große Zustimmung. Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die die Reform im System des Vorbereitungsdienstes mit sich brachte, ist diese hohe Akzeptanz besonders bemerkenswert. Das Projektteam führt dieses positive Resultat auf die sorgfältige, langfristige und partizipative Vorbereitung durch das Ministerium zurück.
Wichtige Ausbildungselemente des neuen didaktischen Konzeptes der Reform waren: In Eingangs- und Perspektivgesprächen legen die angehenden Lehrkräfte zusammen mit ihren Ausbildenden zunächst Entwicklungsziele fest. Auf dem Weg durch das Referendariat werden sie zur Erreichung dieser Ziele dann von dafür ausgebildetem Personal begleitet (personenorientierte Beratung mit Coachingelementen). Zusätzlich lernen sie in selbstgesteuerten Lerngruppen kooperativ mit- und voneinander und teilen Erfahrungen. Außerdem dokumentieren sie, wie sie sich in ihrer Lehrtätigkeit entwickeln, reflektieren und verbessern diese so.

Insbesondere das neu eingeführte Eingangs- und Perspektivgespräch sowie die personenorientierte Beratung mit Coachingelementen wurde von den meisten angehenden Lehrkräften in Anspruch genommen und von ihnen als besonders sinnvoll und hilfreich wahrgenommen.
Untersuchungen zur Wirksamkeit der Reform zeigten zudem, dass die Verkürzung des Vorbereitungsdienstes in Kombination mit der inhaltlichen Umstellung keine negativen Auswirkungen hatte. Im Gegenteil, die Entwicklung der angehenden Lehrkräfte verläuft ähnlich wie im alten System. Ihre professionelle Kompetenz nimmt positiv zu, und sie berichten von einem insgesamt positiven emotionalen Erleben und Freude an ihrem Beruf. Auch ihre Ausbildenden teilen diese Einschätzung. Die zeitliche Verkürzung konnte also durch die qualitative Aufwertung der Ausbildung ausgeglichen werden, was als eine gelungene Reform interpretiert wird.
Aber nicht alles läuft gut. Einige Ergebnisse zeigten auf, wo die Ausbildung verbessert werden kann, um die angehenden Lehrkräfte optimal auf ihren Schuldienst vorzubereiten.
Hinweise auf Optimierungsbedarf ergaben sich vor allem an den folgenden Stellen:
- Zeitliche Belastung: Ein zentrales Problem ist die hohe zeitliche Belastung, die mit den Anforderungen des Vorbereitungsdienstes verbunden ist. Insgesamt ist es für viele angehende Lehrkräfte und die Ausbildenden schwierig, alle Ausbildungselemente innerhalb der gegebenen Zeit gut umzusetzen. Eine weitere Verkürzung der Ausbildungszeit kann aus Sicht des Projektteams daher nicht empfohlen werden.
- Selbstgesteuerte Lerngruppen: Bei den selbstgesteuerten Lerngruppen gab es deutliche Unterschiede zwischen den Ausbildungsstandorten. Während an einigen Standorten erfolgreich Kleingruppen gebildet wurden, berichteten Lehrkräfte an anderen Standorten von Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Insgesamt wurden die selbstgesteuerten Lerngruppen von den Befragten als wenig nützlich empfunden. Hier sieht das Projektteam ungenutztes Potenzial einer prinzipiell guten Lerngelegenheit.
- Nutzung des Portfolios: Das Portfolio, in dem die angehenden Lehrkräfte ihre professionelle Entwicklung dokumentieren und reflektieren sollten, wurde allgemein als wenig hilfreich empfunden. Nur wenige angehende Lehrkräfte nutzten es, vielen war es völlig unbekannt. Diese Ergebnisse decken sich mit anderen Forschungsergebnissen, die zeigen, dass der Einsatz von Portfolios in der Lehramtsausbildung häufig nicht die gewünschten Ergebnisse bewirkt.
Insgesamt sprechen die Ergebnisse für eine erfolgreiche Umstellung des Vorbereitungsdienstes, liefern aber auch Hinweise auf Verbesserungspotenziale.
Folgen und Impact
Der Vorbereitungsdienst in Nordrhein-Westfalen wandelt sich stetig. Einige Entwicklungen wurden durch unsere Ergebnisse angestoßen, auch wenn ein paar Fragen weiterhin offenbleiben.
Die Forschungsergebnisse flossen in die neuen Vorschriften für den Vorbereitungsdienst in NRW und führten unter anderem zur Einführung zweier verpflichtender Eingangs- und Perspektivgespräche, zur verbindlichen Teilnahme an selbstgesteuerten Lerngruppen und zur Abschaffung des wenig genutzten Portfolios.
Gesetzliche Neuerungen übertragen Forschungserkenntnisse in die Praxis
Auf den festgestellten Optimierungsmöglichkeiten aufbauend erhielt das Ministerium für Schule und Bildung Empfehlungen, wie der Vorbereitungsdienst besser werden kann. Einige dieser Vorschläge haben bereits Eingang in die neuen Vorschriften zur Ausbildung im Vorbereitungsdienst gefunden, die in der „Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung für Lehrämter an Schulen“ vom 8. November 2024 festgelegt wurden.
- Zwei Eingangs- und Perspektivgespräche: Anstatt eines Gesprächs gibt es nun zwei festgelegte Eingangs- und Perspektivgespräche. Diese sollen zu bestimmten Zeiten stattfinden, um den angehenden Lehrkräften dabei zu helfen, die im ersten Gespräch definierten Ziele besser zu verfolgen.
- Verpflichtende selbstgesteuerte Lerngruppen: Was früher freiwillig war, ist nun verpflichtend. Die selbstgesteuerten Lerngruppen werden als fester Bestandteil der Ausbildung an den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung eingeführt, was den organisatorischen Aufwand verringert und gleichzeitig sicherstellt, dass keine zusätzliche Zeit für ihre Umsetzung aufgebracht werden muss.
- Verzicht auf das Portfolio: Angesichts des hohen Aufwands und der geringen Nutzung wird das Portfolio künftig kein Bestandteil des Vorbereitungsdienstes mehr sein. Dies soll den angehenden Lehrkräften Entlastung verschaffen und unnötigen Verwaltungsaufwand vermeiden.

Ob die Veränderungen die gewünschten Effekte erzielen, wird weiterhin im Rahmen des laufenden Projekts untersucht. Die Ergebnisse der aktuellen Projektphase und eine abschließende Bewertung der Reform werden voraussichtlich Ende 2025 vorliegen. Dann wird sich auch zeigen, ob die veränderte Ausgangsbedingung durch das Praxissemester Auswirkungen auf die Entwicklung angehender Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst hat.