Bildungsungleichheit systematisch erfasst

Editorial

Editorial

"Alle wissen, dass es Bildungsungleichheiten gibt, aber wenn man 568 Studien nebeneinanderlegt, hat das noch einmal eine ganz andere Wucht.“ Diese Aussage aus dem Projekt-Team macht deutlich, wie notwendig eine Forschungssynthese zur Bildungsungleichheit war. Über 33.000 Publikationen aus 20 Jahren Forschung zu sozialen Ungleichheiten im Bildungserwerb wurden gesichtet, die Ergebnisse systematisch erfasst und aufbereitet. Ziel war es, dieses Wissen offen zugänglich zu machen – für Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Die Impact Story zeigt, auf welchem Weg es erreicht wurde.

Autor*innen: Anna Bachsleitner, Ronja Lämmchen & Elisabeth Cassebaum
Kontakt: Anna Bachsleitner

Die Vorgeschichte

Die Vorgeschichte

Obwohl der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg lange bekannt war, fehlte eine systematische, vergleichbare Evidenzbasis. GesUB schloss diese Lücke mit einem methodisch anspruchsvollen Ansatz, der Transparenz, Struktur und wissenschaftliche Orientierung schafft.

Strukturierte Evidenz statt fragmentierter Einzelstudien

Zwar gibt es seit den 1960er Jahren zahlreiche Einzelstudien zu diesem Thema, doch bislang fehlte eine strukturierte Übersicht, die diese Vielzahl an Studien zusammenführt und systematisiert.   

Anders als in den USA, wo evidenzbasierte Übersichtsarbeiten längst fester Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis sind, war diese Methodik in Deutschland kaum etabliert und damit kam eine systematische Gesamtschau im Bereich der Bildungsungleichheit in der deutschsprachigen Bildungsforschung nicht vor. Dabei bietet sie fundierte Aussagen über den Stand der Forschung, ermöglicht theoretische Zugänge im Bereich Bildungsungleichheit und zeigt bestehende Lücken auf. Das Projekt GesUB – Forschungssynthese zur Genese sozialer Ungleichheiten des Bildungserwerbs setzt genau hier an. 

Das Projekt

Das Projekt

GesUB setzt neue Maßstäbe für evidenzbasierte Bildungsforschung. Unter komplexen Bedingungen – standortübergreifend und teilweise während der COVID-19-Pandemie – entstand eine umfassende Forschungssynthese, die methodische Transparenz, interdisziplinäre Perspektiven und wissenschaftliche Sorgfalt vereint.

Systematic Review in der Bildungsforschung?

Der Anspruch von GesUB war klar: eine methodisch fundierte Forschungssynthese, die zeigt, wo belastbare Erkenntnisse vorliegen und wo nicht.

Wir wollten nicht nur den Forschungsstand zusammentragen, sondern ihn systematisch erfassen, analysieren und sichtbar machen.

Anna Bachsleitner, Projektteam

Das Projektteam sichtete über 33.000 Publikationen und analysierte 568 Studien aus dem Zeitraum der Jahre 2000 bis 2020. Im Fokus standen soziale Ungleichheiten entlang des gesamten Bildungsverlaufs: von der frühkindlichen Bildung bis zur nachschulischen Bildung (berufliche und Hochschulbildung). Die Studien wurden nach einheitlichen Kriterien ausgewählt, codiert und analysiert – unabhängig davon, ob ihre Ergebnisse statistisch signifikant oder erwartbar waren. Berücksichtigt wurden quantitative, qualitative und Mixed-Methods-Studien, darunter auch sogenannte graue Literatur, also nicht im Verlagswesen veröffentlichte Publikationen (z.B. Konferenz- oder Projektberichte) sowie Dissertationen. 

Projekt-Team am Schreibtisch

Zu Beginn stieß das Vorhaben auf eine Mischung aus Begeisterung und Skepsis. Einerseits gab es Zuspruch: „Super, dass ihr das machen wollt, das brauchen wir.“ Andererseits kamen Zweifel auf: „Wie wollt ihr das alles schaffen?“ Die Bandbreite, die Komplexität und die schiere Masse an Studien machten GesUB zu einem einzigartigen Projekt. Zugleich setzte es neue methodische Standards in der Bildungsforschung. Systematic Reviews, in der Medizin längst etabliert, sind im Bildungsbereich bislang selten. GesUB hat dazu beigetragen, diese Methode bekannter zu machen und ihre Relevanz für evidenzbasierte Politikberatung zu unterstreichen.  

Für das Team war die Mitarbeit an GesUB nicht nur fachlich spannend, sondern auch persönlich bereichernd.

Das ist kein Projekt, das man nebenher macht – es ist ein Herzensthema. Und die intensive Zusammenarbeit im Team hat uns auch menschlich stark verbunden.

Anna Bachsleitner, Projektteam

Und ohne dieses Team wäre das Projekt gar nicht möglich gewesen. GesUB wurde am DIPF in zwei Abteilungen und über zwei Standorte hinweg durchgeführt – teilweise unter den schweren Bedingungen der Corona-Pandemie. Videokonferenzen waren zu Beginn noch nicht selbstverständlich. „Wir haben manchmal stundenlang telefoniert, um unsere Codierungen abzugleichen – mit dem Hörer am Ohr und der Codiermaske vor uns“, so Ronja Lämmchen aus dem Projektteam. 

Verlässlichkeit, Vertrauen und ein gemeinsames Ziel waren die Basis für das Gelingen.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse

Die Analyse zeigt: Bildungsungleichheiten beginnen vor dem Schuleintritt und kumulieren sich über den gesamten Bildungsverlauf. Gleichzeitig bestehen erhebliche Forschungslücken, insbesondere in der frühkindlichen und beruflichen Bildung. Gap Maps machen dies sichtbar. 

Ungleichheiten entstehen früh und kumulieren sich

Das GesUB-Team fand in allen untersuchten Bereichen klare Hinweise auf die enge Verknüpfung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg – von der frühen Kindheit bis zur nachschulischen Bildung. Besonders deutlich wurde dabei: Ungleichheiten entstehen früh und kumulieren sich über den Bildungsverlauf hinweg.

Dass soziale Ungleichheiten im Bildungserwerb bestehen, hat uns nicht überrascht. Aber die Wucht der Befunde war trotzdem schockierend.

Anna Bachsleitner, Projektteam

Zugleich zeigte sich, dass auch die Forschung selbst ungleich verteilt ist. Während die Schule – insbesondere der Übergang ins Gymnasium – vergleichsweise gut erforscht ist, bestehen große Lücken in der vorschulischen und beruflichen Bildung.

Die Ergebnisse wurden in sogenannten Gap Maps visualisiert. Diese Karten zeigen auf einen Blick, wo bereits viel zu sozialer Ungleichheit im Bildungssystem geforscht wurde und wo noch Wissenslücken bestehen. Die Gap Map zeigt, wie stark soziale Ungleichheit in Kompetenzen/Noten, Bildungsbeteiligung und Bildungsabschlüssen in den verschiedenen Bildungsbereichen bearbeitet wurde. Die Größe der Kreise macht deutlich, dass die Schule der am stärksten beforschte Bildungsbereich ist. Insbesondere zu Kompetenzen gibt es viele Ergebnisse, weil große Schulleistungsstudien hier umfangreiche Daten liefern.

Gap Map: Soziale Ungleichheit in Kompetenzen/Noten, Bildungsbeteiligung und Bildungsabschlüssen in den verschiedenen Bildungsbereichen+

Eine ähnliche Schieflage zeigt sich auch in der medialen Wahrnehmung:

Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem erhält er immer nur dann öffentliche Aufmerksamkeit, wenn eine neue Schulleistungsstudie erscheint.

Ronja Lämmchen, Projektteam

Das Thema muss nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich präsent sein – gerade angesichts seiner gesellschaftlichen Relevanz. Denn trotz der umfangreichen Forschung bleibt oft unklar, welche Mechanismen Bildungsungleichheiten verursachen. Zwar gibt es viele Einzelstudien, aber es fehlt an vergleichbaren Modellen, die die Komplexität sichtbar machen.

Ein weiteres zentrales Ergebnis von GesUB: Ungleichheiten entstehen schon vor dem Schuleintritt. Kinder aus sozial privilegierten Familien starten oft mit besseren sprachlichen Kompetenzen und werden stärker von den Eltern gefördert.  

Auch in der theoretischen Fundierung der Studien zeigen sich große Unterschiede. Während etwa in der Hochschulforschung Theorien systematischer herangezogen werden, gibt es in der frühen Bildung weniger theoretische Bezüge und rein empirische Zugänge dominieren. Und es zeigen sich auch disziplinäre Unterschiede: In der frühen Bildung etwa werden häufiger psychologische Modelle verwendet. Insgesamt sind jedoch in allen Bildungsbereichen theoretische Ansätze aus der Soziologie sehr stark vertreten. Das Projekt zeigt deutlich: Es braucht Theorien mittlerer Reichweite und interdisziplinäre Ansätze, um Bildungsungleichheiten wirklich zu verstehen.

Wir brauchen beide Zugänge – qualitative Tiefe und quantitative Breite. Nur so verstehen wir, wie Bildungsungleichheiten tatsächlich entstehen.

Ronja Lämmchen, Projektteam

Sammelband: Soziale Ungleichheit des Bildungserwerbs von der Vorschule bis zur Hochschule Nicht zuletzt wurde sichtbar, dass es mehr methodische Vielfalt und zum Teil bessere Daten braucht. In der beruflichen Bildung fehlen häufig geeignete Datensätze zur sozialen Herkunft.

Ein Moment, der dem Team besonders in Erinnerung geblieben ist: als der Sammelband (pdf) schließlich gedruckt vor ihnen lag.

Folgen und Impact

Folgen und Impact

Das Projekt macht Bildungsungleichheiten sichtbar und zugänglich – für Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Die systematische Evidenz unterstützt Reformprozesse, inspiriert neue Forschungsprojekte und stärkt den Anspruch auf Chancengleichheit in der Bildung. 

Evidenz für Politik, Praxis und Forschung

Alle wissen, dass es Bildungsungleichheiten gibt, aber wenn man 568 Studien nebeneinanderlegt, hat das noch einmal eine ganz andere Wucht.

Anna Bachsleitner, Projektteam

GesUB bündelt Wissen, das zuvor zerstreut war und macht es greifbar, belegbar und nutzbar. Mit seiner systematischen Synthese hat das Projekt einen neuen Maßstab geschaffen: für die Bildungsforschung, aber auch für die Bildungspolitik.

Porträt Susanne Thimet"GesUB hat gezeigt, wie groß die Forschungslücken in der beruflichen Bildung sind und mich motiviert, sprachsensiblen Fachunterricht stärker in der Lehrkräfteausbildung zu verankern. Heute sehe ich: Die Forschung zu frühkindlicher und beruflicher Bildung gewinnt an Dynamik und das ist ein gutes Zeichen für die Bildungsforschung insgesamt."

Prof. Susanne Thimet, Direktorin Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Karlsruhe

Die Ergebnisse wurden in einem Open-Access-Sammelband veröffentlicht, auf Konferenzen vorgestellt, in Workshops diskutiert und in der Lehre eingesetzt. Auch politisch fand GesUB Beachtung: Vertreter*innen des Bundesbildungsministeriums, des Familienministeriums und mehrerer Landesbehörden nahmen an der Abschlusstagung teil und nutzen die evidenzbasierte Aufbereitung.

Prof. Dr. Susanne Kuger (Forschungsdirektorin DJI) über den Impact des Projekts in der Wissenschaft

Die Gap Maps und theoretischen Analysen helfen nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Politik, gezielter an den richtigen Stellen anzusetzen.

Es war uns wichtig, die Brücke zwischen Wissenschaft und Politik zu schlagen.

Ronja Lämmchen, Projektteam

Besonders relevant ist der Befund, dass Bildungsungleichheiten sehr früh entstehen – lange vor dem Schuleintritt. Frühzeitig anzusetzen, etwa durch kompensatorische Maßnahmen im U3-Bereich, ist nicht nur sozial gerecht, sondern auch ökonomisch sinnvoll. 

Das zentrale Anliegen, Wissen offen zugänglich zu machen, ist gelungen. Das zeigt sich in der anhaltenden Nachfrage: Selbst Jahre nach Projektende werden die Ergebnisse aus GesUB zitiert, genutzt und weiterentwickelt. Auch wenn das Anliegen des Projektes nicht darin lag, direkte Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, schafft es eine verlässliche Grundlage für weitere Forschung, für Maßnahmenentwicklung und evidenzbasierte Bildungspolitik.

 Dr. Stefan Luther (Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend) über den Impact des Projekts in der Bildungspolitik

Andere Projekte knüpfen bereits an, etwa ABIBA | Meta, das den Abbau von Bildungsungleichheiten untersucht. Auch die in GesUB entstandene Datenbasis bietet weiteres Potenzial, zum Beispiel für vertiefte Analysen einzelner Bildungsbereiche oder theoretischer Zugänge.

Es war herausfordernd, aber auch ein echtes Herzensthema. Und wir sind stolz darauf, dass wir mit unserer Arbeit einen Beitrag leisten konnten – zur Forschung, zur Politik und zur Sichtbarkeit des Themas.

Anna Bachsleitner, Projektteam

Das Ziel ist erreicht: Wissen ist zugänglicher geworden – für Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.

Bild- und Videoquellen

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