Zwischen Klassenzimmer und Kinderzimmer: Die sozialen Unterschiede in den digitalen Kompetenzen steigen
„Der soziale Hintergrund sorgt für eine immer größer werdende Kluft bei den digitalen Kompetenzen von Jugendlichen“, sagt Dr. Markus Lörz vom DIPF, Erstautor der jetzt im Fachjournal „Computers & Education“ veröffentlichten Studie. „Das kulturelle Umfeld zuhause und die Schulart haben sich dabei als die zentralen Erklärungsgrößen dieser digitalen Ungleichheit erwiesen“, erläutert Lörz.
Die Studie
Für die neue Untersuchung hat das Forschungsteam, bestehend aus Dr. Markus Lörz, Prof. Dr. Birgit Becker (Goethe-Universität), Dr. Jan Niemann, Dr. Kerstin Drossel und Prof. Dr. Birgit Eickelmann (alle Universität Paderborn), Daten der Studie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) in Deutschland von 2013, 2018 und 2023 ausgewertet und die Computer- und Informationskompetenzen von etwa 8.500 Schüler*innen der Jahrgangsstufe 8 hinsichtlich des sozialen Hintergrunds betrachtet. Bei den Kompetenzen geht es vor allem darum, wie sinnvoll, kritisch und verantwortungsbewusst die Jugendlichen mit Technik und Informationen im digitalen Raum umgehen.
Im Rahmen dieser Sekundäranalyse untersuchte das Team die sozial unterschiedliche Kompetenzentwicklung der Schüler*innen von 2013 bis 2023. Der soziale Hintergrund der Schüler*innen wurde über den sozio-ökonomischen Status der Eltern gemessen. Zusätzlich betrachteten die Forscher*innen 1. das digitale häusliche Umfeld (verfügbare digitale Geräte, Erfahrung mit Computern, Verwendung der Geräte zum Lernen), 2. das kulturelle häusliche Umfeld (Anzahl der Bücher im Haushalt) und 3. die Schulart (Gymnasium, Gesamtschulen und weitere Schulen) und analysierten deren Rolle als mögliche Erklärung für die sozialen Unterschiede in den digitalen Kompetenzen.
Ergebnisse
Im Jahr 2013 lag der Unterschied bei den digitalen Kompetenzen zwischen Schüler*innen aus privilegierten Familien und denen aus weniger privilegierten Familien bei 43 Kompetenzpunkten. Zehn Jahre später war diese Differenz auf 66 Punkte angestiegen. Bei genauerer Betrachtung der Lernbedingungen zeigte sich, dass sich insbesondere die kulturellen Bedingungen im Elternhaus und die gewählten Bildungswege erheblich nach sozialer Herkunft unterschieden.
Hier stellten die Forschenden nicht nur fest, dass diese Lernbedingungen eng mit dem Erwerb digitaler Kompetenzen zusammenhingen, sondern auch, dass deren Bedeutung für den Erwerb der Kompetenzen über die Zeit zugenommen hat. Im Jahr 2013 erreichten zum Beispiel Schüler*innen, in deren Elternhaus mehr als 200 Bücher zur Verfügung standen, 66 Kompetenzpunkte mehr als solche mit 25 und weniger Büchern. 2023 war dieser Unterschied auf 86 Punkte angewachsen. Jugendliche auf dem Gymnasium erzielten 2013 gegenüber Schüler*innen auf den weiteren Schulen ein um 65 Punkte besseres Kompetenzergebnis. 2023 lag dieser Unterschied bereits bei 85 Punkten.
Dennoch reichen nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler*innen diese Unterschiede in den häuslichen und schulischen Lernbedingungen nicht allein als Erklärung für den Anstieg der sozialen Ungleichheiten aus. Auch nach dem Herausrechnen dieser Einflussgrößen sind die sozialen Unterschiede in den digitalen Kompetenzen in den letzten Jahren gestiegen. Möglicherweise hängt dies mit der Corona-Pandemie zusammen, so eine Vermutung des Forschungsteams: Zu dieser Zeit ist der Bedarf, kompetent mit digitalen Medien umzugehen, schlagartig angestiegen und mit den veränderten Bedingungen sind Schüler*innen aus privilegiertem Elternhaus besser umgegangen.
Einordnungen
Im Bereich der Digitalität tue sich ein neues Feld sozialer Unterschiede auf, so die Forschenden. „Da das digitale Kompetenzniveau der Schüler*innen in Deutschland im betrachteten Zeitraum aber insgesamt gesunken ist, hängt die zunehmende Ungleichheit weniger damit zusammen, dass sich bestimmte Gruppen stark verbessert haben. Vielmehr haben manche Gruppen besonders nachgelassen“, konkretisiert Markus Lörz. Hinsichtlich der festgestellten Einflüsse des kulturellen häuslichen Umfelds und der Schulart empfiehlt der Bildungsforscher: „Es wäre ratsam, der sozial ungleichen Verteilung der Schüler*innen auf die Schularten stärker entgegenzuwirken. Auch sind insbesondere die Schulen gefordert, die kulturell ungünstigen häuslichen Lernbedingungen von Kindern aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status auszugleichen.“
Zugleich verweisen die Wissenschaftler*innen auf einige Einschränkungen der Aussagekraft der vorgestellten Analyse. So seien beispielweise die Ansätze, das kulturelle häusliche Lernumfeld anhand der Anzahl der Bücher und die schulische Lernumgebung nur über die Schulart zu untersuchen, relativ undifferenziert. Zudem werden die rasanten Veränderungen im Bereich der KI mit den Daten noch nicht vollumfänglich abgedeckt. Für belastbarere Aussagen sei weitere Forschung nötig, so die Autor*innen.
Die Analyse kann im Detail in einem frei verfügbaren Fachbeitrag nachgelesen werden:
Lörz, M., Becker, B., Niemann, J., Drossel, K. & B. Eickelmann (2026) Social inequality in digital competencies among students in Germany: A trend analysis using ICILS data 2013-2023. Computers & Education, 251, 105637. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2026.105637
Kontakt
Wissenschaftliche Analyse: Dr. Markus Lörz, +49 (0)69 24708-745, bS5sb2VyekBkaXBmLmRl
Presse: Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, cC5zdGlybUBkaXBmLmRl