Nachruf auf Prof. Dr. Theodor Hanf

@Helga Dickow | ABI
17.08.2026 Nachricht
Das DIPF| Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main und Berlin trauert um seinen langjährigen Professor und Abteilungsdirektor Theodor Hanf.

Theodor („Theo“) Hanf ist am 7. August 2026 im hohen Alter von 90 Jahren in Freiburg im Breisgau gestorben. Er war seit 1972 ordentlicher Professor für Soziologie am damaligen Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (heute: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation); bis zur Umstrukturierung des Instituts Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts war er zugleich Leiter der damaligen Abteilung Soziologie des Instituts. Von 1976 bis 1979 war er als Vorsitzender des Forschungskollegiums Direktor des DIPF.

Das große Verdienst dieses vitalen Gelehrten bestand vor allem darin, dass er die internationale Dimension der wissenschaftlichen Arbeit des DIPF erweiterte, indem er den globalen Süden für die internationale vergleichende Bildungswissenschaft erschloss. Seitdem richtete sich das Interesse des Instituts – das in den 1970er bis 1990er Jahren stark auf internationale und interkulturell vergleichende Arbeiten ausgerichtet war – nicht mehr nur auf westliche und östliche Industrieländer, sondern auch auf den Vorderen Orient, auf Afrika, Asien und Lateinamerika. Hanf hat des Weiteren entscheidend zu der Einsicht beigetragen, dass nur die wenigsten Staaten auf dieser Welt aus homogenen Gesellschaften bestehen, dass der Vielvölkerstaat, der Vielreligionenstaat, der Vielsprachenstaat, der Vielkulturenstaat eher die Regel als die Ausnahme ist. Daraus folgt wiederum, dass grundlegende Konflikte in einer Gesellschaft durch Bildungsreformen allein nicht überwunden werden können. Bildungspolitik, die sich über solche Gegensätze mit dem Ziel der Gleichschaltung hinwegsetzt, sei fast immer zum Scheitern verurteilt und eine Bildungsforschung, die solcher Politik das Wort redet, erleide zumeist Schiffbruch, so eine der Lehren der Arbeit unseres Kollegen.

Aus Hanfs zahlreichen Veröffentlichungen seien hervorgehoben: Erziehungswesen in Gesellschaft und Politik des Libanon, 1990; Südafrika: Friedlicher Wandel? 1978 (mit H. Weiland und G. Vierdag); The political function of education in deeply divided countries, 2013.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 2004 nahm dieser in West und Ost hoch angesehene Wissenschaftler eine Lehrtätigkeit an der Amerikanischen Universität Beirut wahr. Zugleich leitete er das UNESCO-Institut in Byblos (Libanon) und lud mehrfach zu internationalen Konferenzen ein, bei denen sich Politikerinnen und Politiker sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Nahen Osten und Europa (darunter auch immer wieder Angehörige des DIPF) zum Gedankenaustausch trafen.

Wir werden diesen geistreichen, schaffensfreudigen und für die Entwicklung der Bildungswissenschaften höchst einflussreichen Forschenden sehr vermissen.

Prof. Dr. Hermann Avenarius

Frankfurt am Main, im August 2026
Für Vorstand und Mitarbeitende des DIPF | Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation