„Es haben sich viele neue Türen geöffnet“
Hand aufs Herz: Waren Sie aufgeregt, als Sie im Projekt das erste Mal mit „der anderen Seite“ zusammengearbeitet haben?
Raphaela Schlicht-Schmälzle: Der Einstieg verlief für uns ja eher schrittweise. Gemeinsam mit der Hessischen Lehrkräfteakademie und den Studienseminaren haben wir die Gewinnung von Lehrkräften gründlich vorbereitet und konnten auf Erfahrungen mit Wissenschaft-Praxis-Partnerschaften aus dem PaTH-Projekt zurückgreifen. Bei den ersten Treffen war ich dennoch gespannt, wie der Austausch verlaufen wird und ob wir die Lehrkräfte von der Relevanz des Projekts überzeugen können.
Irina Hönig: Die Überzeugungsarbeit hat auf jeden Fall toll funktioniert, liebe Raphaela. Ich war vor dem ersten Treffen auch aufgeregt. Mit der Wissenschaft hatte ich zuletzt vor zehn Jahren im Studium zu tun – damals als Lernende. Ein so wechselseitiger, konstruktiver Austausch war für mich neu. Ich beschäftige mich zwar gern mit Neuem, aber es war trotzdem ein Sprung ins kalte Wasser.
Hat Sie etwas bei den ersten Treffen überrascht?
Hönig: Das Duzen! Bei so vielen Doktor*innen hätte ich nicht erwartet, dass sich alle direkt mit Vornamen vorstellen. Das war angenehm. Sehr gefallen hat mir auch, wie viele Frauen in diesem Forschungsbereich aktiv sind.
Schlicht-Schmälzle: Ich habe mich gefreut, dass schon beim ersten Treffen großes Interesse und Engagement spürbar waren. Ich war unsicher, ob sich alle neben dem vollen Arbeitsalltag so einbringen würden. Schön war auch, dass sich keine Gruppen nach Professionen bildeten; Berührungsängste lösten sich schnell auf und die Zusammenarbeit wurde ganz selbstverständlich.
Lehrkräfte erleben wir als erfahrene Persönlichkeiten mit großem Praxiswissen, denen wir mit viel Respekt begegnen.
Hönig: Das kann ich bestätigen. Im Vorhinein hatte ich eher ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber den Forschenden, das aber bald verflog – auch dank Eurer Moderation. Es war von Anfang an ein Dialog auf Augenhöhe.
Schlicht-Schmälzle: Auch in der Literatur zu Wissenschaft-Praxis-Partnerschaften wird betont, wie wichtig der Abbau von Hierarchien ist. Aus Forschungsperspektive kann ich sagen: Ein Gefühl der Überlegenheit kenne ich nicht. Im Gegenteil, Lehrkräfte erleben wir als erfahrene Persönlichkeiten mit großem Praxiswissen, denen wir mit viel Respekt begegnen.
Das klingt, als hätte die Zusammenarbeit gut funktioniert.
Hönig: Dazu hat auch der Matching-Prozess beigetragen. In den anderthalb Tagen bei der Auftaktveranstaltung wurden wir gezielt daran hingeführt, Tandems mit passenden Arbeitsstilen und Bildungshaltungen zu bilden. Mit einem Partner mit einer ganz anderen Haltung zur Inklusion hätte ich wahrscheinlich nicht so gut zusammenarbeiten können. So wurde im Vorfeld vieles geklärt, was später hätte zu Stress führen können.
Schlicht-Schmälzle: Dafür haben wir uns mit einem offenen Prozess bewusst viel Zeit genommen. In Deutschland besteht hierzu noch wenig Erfahrung, aber internationale Studien unterstreichen bei solchen Partnerschaften die Bedeutung gemeinsamer Interessen und einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Das hat sich bestätigt: Von 42 Teilnehmenden ist in 18 Monaten nur eine Person ausgestiegen, und alle Tandems haben kreative Projekte umgesetzt.
An mancher Stelle hat es wahrscheinlich dennoch geruckelt, oder?
Hönig: Natürlich, vor allem wegen verschiedener Herangehensweisen. Mein Tandempartner Johannes Hiebl und ich haben frei verfügbare Materialien zum Nachteilsausgleich entwickelt – also dazu, wie Lehrkräfte Benachteiligungen von Schüler*innen mit Einschränkungen bei Prüfungen und der Notengebung ausgleichen können. Dann wollten wir erproben, wie meine Kolleg*innen diese Lernvideos und interaktiven PDF-Dateien nutzen. Ich hätte einfach die Website-Besuche ausgewertet, Johannes betonte jedoch, dass das aus wissenschaftlicher Sicht ohne Kenntnisnahme der Nutzer*innen nicht möglich sei.
Im Schulalltag suchen wir oft pragmatische Lösungen und setzen sie direkt um, während die Forschung strengere Rahmenbedingungen hat.
Daran wird der Unterschied deutlich: Im Schulalltag suchen wir oft pragmatische Lösungen und setzen sie direkt um, während die Forschung strengere Rahmenbedingungen hat. Letztlich war ich auch nicht komplett zufrieden mit dem Ergebnis – solche Materialien können den direkten Austausch und die praktische Anwendung nur ergänzen.
Schlicht-Schmälzle: Viele Tandems waren sehr ehrgeizig. Im Rückblick hätten wir klarer betonen können, dass der Lernprozess im Vordergrund steht und die Erwartungen an das Endprodukt nicht zu hoch sein sollten. Solche Grassroot-Kooperationen sollen vor allem ins Handeln kommen und nicht durch zu hohe Anforderungen eingeschränkt werden.
Gab es hierfür schon positive Ansätze im Projekt?
Mehr als das! In erster Linie ging es uns wie gesagt darum, dass die Tandems selbstgesteuert etwas erarbeiten und dabei lernen, zu kooperieren. Und das hat größtenteils super funktioniert. Zugleich sind spannende und nutzwertige Produkte entstanden. Dazu gehören etwa ein Unterrichtsentwurf für das Fach Deutsch in der 11. Klasse, der den Fokus auf ein Growth-Mindset legt, ein Weiterbildungsworkshop, der Lehrkräfte beim Umgang mit Heterogenität im Schulalltag unterstützen soll, und ein Workshop für Kinder der 3. Jahrgangsstufe, der das Konzept der gewaltfreien Kommunikation zur Konfliktbewältigung vermittelt.
Das belegt doch den Mehrwert solcher Partnerschaften, warum haben sie sich in Deutschland dann noch nicht durchgesetzt?
Schlicht-Schmälzle: In Deutschland gehen Reformen traditionell eher von Ministerien aus und werden von oben nach unten umgesetzt. Manchmal verliert man dabei die die Bedarfe in den Schulen vor Ort aus den Augen. In anderen Ländern haben Schulen mehr Autonomie und arbeiten in Kooperation mit der Wissenschaft an Schul- und Unterrichtsentwicklung. Vor Ort sind die Bedarfe meist besser bekannt, sodass Innovationen gezielter entwickelt und umgesetzt werden können. Dafür braucht es jedoch einen Kulturwandel auf vielen Ebenen und passende unterstützende Strukturen.
Dafür braucht es jedoch einen Kulturwandel auf vielen Ebenen und passende unterstützende Strukturen.
Hönig: Ich stimme in vielem zu, sehe die Hauptprobleme der Schulen aber anderswo. Wenn ein großer Teil der Förderschulstunden von nicht ausreichend ausgebildeten Kräften übernommen wird, kann Zusammenarbeit mit Forschenden kaum helfen. Deren Impulse sind zwar bereichernd, doch oft fehlen Zeit und Ressourcen. Den Nutzen sehe ich dennoch und freue mich, dass die Grundschule, in der ich eingesetzt bin, jetzt im Campusschulprogramm langfristig mit der Forschung kooperiert. Das ermöglicht unter anderem den Zugang zu einem umfangreichen Online-Fortbildungsangebot.
Schlicht-Schmälzle: Absolut richtig: Eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Bildungsforschung und Schulen darf nicht einfach eine zusätzliche Aufgabe sein. Auch für Forschende mit befristeten Verträgen ist das schwer zu leisten. Nötig sind strukturelle Veränderungen – etwa dafür eingeplante Deputatsstunden an Schulen oder eine Anerkennung dieses Austauschs als karrierefördernde Leistung in der Wissenschaft. Wissen aus der Forschung in der Schule einbringen und umgekehrt Wissen aus der Schule in die Forschung zu bringen, muss auf beiden Seiten selbstverständlich werden.
Was nehmen Sie denn persönlich aus dem Projekt mit?
Hönig: Ich merke, dass ich stärker in Zahlen und Entwicklungen auf der Metaebene denke. So ist mir beispielsweise aufgefallen, dass bei uns zuletzt alle Kinder, die mit Förderbedarf Lernen gefördert wurden, in der gesamten Grundschulzeit inklusiv gefördert wurden. Die inklusive Bildung konnte also ohne das Förderschulsystem im Bildungsgang Lernen große Erfolge erzielen. Gerade beim Förderbedarf Lernen zeigt die Forschung Vorteile inklusiver Bildung. Auch Fortschritte wie den Aufbau von Lesekompetenz, auch bei Kindern mit einem weit unterdurchschnittlichen IQ, möchte ich mehr erfassen und so sichtbar machen.
Genau das ist eines unserer Ziele: Forschungskompetenz in der Praxis und Praxiskompetenz in der Forschung zu stärken.
Schlicht-Schmälzle: Genau das ist eines unserer Ziele: Forschungskompetenz in der Praxis und Praxiskompetenz in der Forschung zu stärken. Zwar wird der Nutzen auch hinterfragt, doch deine Beispiele zeigen den Mehrwert, der in beide Richtungen gilt: Wir Bildungsforscher*innen müssen keine Lehrkräfte werden, sollten die Praxis aber gut kennen.
Hönig: Ansonsten sind aus dem Projekt für mich viele persönliche Kontakte und ein vertrauensvoller Zugang zu den Teilnehmenden geblieben. Daraus entstand in meinem Kollegium auch die Idee, am Campusschulprogramm teilzunehmen. Da haben sich viele neue Türen geöffnet.
Schlicht-Schmälzle: Das wollen wir fördern und zum Beispiel ein Alumni-Netzwerk aufbauen. Die Mitglieder können mit ihrer Qualifizierung als Multiplikator*innen tätig werden. Grundsätzlich würden wir am DIPF gerne ein Hub für diese Wissenschaft-Praxis-Partnerschaften werden, mit einem deutschlandweiten Netzwerk, Weiterbildungsangeboten, Tools und Best-Practice-Beispielen.

