Mehr Unterricht, mehr Kompetenz?
In regelmäßigen Abständen wird in der Bildungspolitik die Forderung laut, die Stundentafel für Kernfächer wie Deutsch oder Mathematik zu erhöhen. So will man die Kompetenzentwicklung der Schüler*innen fördern. Beispielsweise wurden im Rahmen der „PISA-Offensive Bayern“ die Stunden in Mathematik und Deutsch zulasten der künstlerischen Fächer und Englisch erhöht. Auch der ehemalige Hamburger Schulsenator Ties Rabe hat diese Forderung in seinem neuen Buch und in einer Kolumne im Deutschen Schulportal prominent vertreten: Schon jeweils eine zusätzliche Stunde Deutsch- und Mathematikunterricht pro Woche in der Grundschule könnten seiner Ansicht nach „mit einem Schlag die meisten Bildungsprobleme in Deutschland“ lösen. Das klingt zunächst plausibel: dass mehr Lernzeit zu mehr Lernzuwachs führt, ist eine Annahme, die auch die bisherige Forschung stützt. Auch das Grundschulgutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK (SWK) von 2022, an dem das DIPF beteiligt war, empfiehlt die Stundentafeln als wirksame Stellschraube, um die Kompetenzentwicklung zu fördern. Aber lässt sich diese Forderung empirisch belegen – speziell für den deutschen Kontext?
Genau das haben wir untersucht, gemeinsam mit Kolleg*innen vom DIW Berlin, der TU München, der Universität Duisburg-Essen und dem ifo-Institut. Dass einige Bundesländer die Stundentafeln in der Vergangenheit reformiert haben und andere nicht, lässt sich als sogenanntes natürliches Experiment für wissenschaftliche Analysen gut nutzen. Dafür haben wir Viertklässler*innen der Jahre 2016 und 2021 verglichen. In diesem Zeitraum hatten mehrere Bundesländer die Zahl der wöchentlichen Deutschstunden verändert, die zusammengezählt für die vier Jahre der Primarstufe vorgesehen waren: Baden-Württemberg mit insgesamt zwei zusätzlichen Wochenstunden, Berlin mit vier, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein mit einer zusätzlichen Wochenstunde und Sachsen sogar mit einer Stunde weniger. Anhand von Daten aus drei Wellen des IQB-Bildungstrends in der Primarstufe (2011, 2016, 2021) haben wir verglichen, wie sich die Lesekompetenzen in Ländern mit und ohne Reform entwickelt haben.
Das Ergebnis: zusätzliche Stunden in der Stundentafel haben keinen eindeutigen positiven Effekt. Das zeigt ein Blick auf die Skala des IQB-Bildungstrends, auf der das durchschnittliche Kompetenzniveau von allen Schüler*innen rund 500 Punkte beträgt. Die Werte einzelner Schüler*innen streuen dabei deutlich und reichen unter 300 und über 700 Punkte. Auf dieser Skala sind selbst die bestmöglichen Effekte, die nach unseren Analysen erkennbar sind, sehr klein: Eine zusätzliche Wochenstunde Deutschunterricht würde die Lesekompetenz um höchstens 3,2 Punkte steigern – und um maximal 6,6 Punkte senken. Unsere Ergebnisse deuten also darauf hin, dass negative wie positive Effekte möglich sind und sich keine statistisch abgesicherte Aussage zur tatsächlichen Wirkung treffen lässt. Auch finden wir für einzelne Teilgruppen wie zum Beispiel Kinder aus Elternhäusern mit niedrigerem Bildungshintergrund oder mit einer anderen Familiensprache als Deutsch insgesamt keine belastbaren ausgleichenden Effekte.
Mehr Unterrichtszeit ist nicht automatisch mehr Lernzeit
Unsere Ergebnisse widersprechen nicht nur Rabes These, sondern auch dem SWK-Gutachten und einem Teil der internationalen Forschung, etwa Studien aus Dänemark und der Schweiz sowie einer aktuellen Forschungssynthese, die im Schnitt moderate positive Effekte findet. In bisherigen Studien basieren die Angaben zur Unterrichtszeit jedoch in erster Linie auf Befragungen der Schüler*innen, während wir explizit die Reform der Stundentafel untersuchen. Eine plausible Erklärung für unser Ergebnis: Vorgesehene Unterrichtszeit ist nicht dasselbe wie tatsächlich stattfindender Unterricht. So wird für die USA in einer Studie geschätzt, dass rund 84 Prozent der zugewiesenen Zeit auch wirklich unterrichtet werden – für Deutschland bleibt insgesamt unklar, wie viel von der vorgesehenen Unterrichtszeit auch tatsächlich in Lernzeit mündet. Interessanterweise liefert Rabe selbst dafür ein Beispiel, wenn er schildert, dass Hamburger Schulen die zusätzlich zugewiesenen Stunden teils für Pausenzeiten statt für Unterricht genutzt haben. Mehr vorgesehene Zeit wird nicht automatisch zu mehr Lernzeit.
Was bedeuten die Ergebnisse für die Steuerung des Bildungssystems? Unsere Ergebnisse sprechen nicht dagegen, dass Lernzeit wichtig ist – aber sie zeigen, dass es nicht ausreicht, allein die Stundentafel zu verändern, ohne die Unterrichtsqualität und die effektive Nutzung der Zeit sicherzustellen.
Zweckmäßiger erscheinen uns drei andere Stellschrauben: Erstens, Unterrichtsausfall konsequent reduzieren und bislang wenig genutzte Zeitfenster wie beispielsweise Vertretungsstunden oder Randstunden vor den Ferien tatsächlich für Lernen nutzen – wie auch von Ties Rabe vorgeschlagen. Zweitens, evidenzbasierte Förderung weiter stärken und ausbauen, etwa über strukturierte Leseförderprogramme wie das Programm „BiSS – Bildung durch Sprache und Schrift“ oder das Leseband. Drittens, in die Qualifikation von Lehrkräften investieren, denn die fachliche Qualifikation entscheidet mit, wie wirksam zusätzliche Zeit ist.
Fazit: Die verfügbare Zeit besser nutzen
Die Idee, mit wenigen zusätzlichen Wochenstunden in der Stundentafel ließen sich die Bildungsprobleme Deutschlands weitgehend lösen, ist politisch attraktiv, weil sie vergleichsweise günstig umzusetzen erscheint – und für Schlagzeilen sorgt. Unsere Daten aus vier tatsächlichen Bundesländer-Reformen der vergangenen Jahre liefern für die Wirksamkeit dieser Maßnahme jedoch keine Belege. Ausreichende Zeit ist vermutlich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für gute Lernergebnisse. Bildungspolitik sollte deshalb nicht nur fragen, wie viel Zeit sie den Fächern zuweist, sondern vor allem, wie die zur Verfügung stehende Zeit besser genutzt wird. Genau hier liegt der eigentliche, vielversprechende Hebel – und die deutlich anspruchsvollere Reformbaustelle. Es bleibt zu hoffen, dass die in der kommenden Woche erscheinenden PISA-Ergebnisse den Blick nicht erneut auf die Stundentafel verengen, sondern eine Diskussion darüber auslösen, wie sich die verfügbare Zeit noch besser nutzen lässt.
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