Soziale Ungleichheiten im Bildungssystem: Einem komplexen Phänomen auf der Spur

Impuls soziale Ungleichheiten im Bildungssystem
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12.08.2026 Impuls
Die Forschung weist immer wieder darauf hin, dass im deutschen Bildungssystem Ungleichheiten nach sozialer Herkunft bestehen. Diese zeigen sich in verschiedenen Kompetenzbereichen, bei kleineren und größeren Bildungsentscheidungen, in den Bildungsabschlüssen und den sich daraus ergebenden beruflichen Möglichkeiten. Die Bildungspolitik hat die weitreichenden Konsequenzen dieser Bildungsungleichheiten erkannt und verschiedene Programme zu deren Abbau initiiert. Doch die Ursachen des Phänomens und die Entstehungsprozesse sind komplex. Um die Ungleichheit wirksam abzubauen, müsste sich das folglich auch in den Lösungsansätzen widerspiegeln. Ein DIPF-Impuls von Dr. Markus Lörz.

Die Herausforderung: Fortwährend große soziale Unterschiede in der Bildung 

Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft sind kein neues Phänomen: Zwar hat sich der Anteil der Schüler*innen mit Hochschulzugangsberechtigung in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich erhöht – der Ausbau gymnasialer Bildungsgänge und die gestiegene Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen zeigen demnach durchaus Wirkung. Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede nach sozialer Herkunft.

Kinder aus weniger privilegierten Familien schneiden in internationalen Schulleistungsstudien durchgängig schlechter ab, beschreiten nach wie vor seltener den Weg zu höherer Bildung am Gymnasium oder im Studium, setzen fachlich und später beruflich andere Schwerpunkte und sammeln weniger außerschulische Bildungserfahrungen. Besonders problematisch ist ihre im Durchschnitt geringere Lesekompetenz, denn sie ist eine Schlüsselqualifikation für viele weitere Kompetenzen und ein zentrales Element für die gesellschaftliche Teilhabe. 

Angesichts der engen Verknüpfung von Bildungs- und Beschäftigungssystem sind diese Ungleichheiten nicht nur auf individueller Ebene bedenklich. Sie haben auch weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Konsequenzen. 

Die Entwicklung: Verbesserung beim Bildungszugang, Schwachstelle Lesekompetenzen 

Die Mechanismen sozialer Ungleichheit haben sich im Laufe der Zeit verändert und nehmen mitunter neue Formen an, wie ein Blick auf den Sekundarschulbereich beispielhaft zeigt. Mit der Bildungsexpansion hat sich die dortige Situation aus Ungleichheitsperspektive zunächst sukzessive verbessert. So haben etwa die sozialen Ungleichheiten im Abiturerwerb abgenommen. Diese Entwicklung spiegelte sich in Teilen auch in geringeren Kompetenzunterschieden zwischen den verschiedenen Sozialgruppen wider. 

In den vergangenen Jahren hat sich dieser Trend jedoch nicht fortgesetzt. Vielmehr nehmen etwa die Unterschiede in den Lesekompetenzen nach sozialer Herkunft erneut zu. Eine differenzierte Betrachtung der Einflussfaktoren deutet zum einen darauf hin, dass die Wahl der Bildungswege immer weniger relevant für die Entstehung solcher Unterschiede ist. Zum anderen wirken die verschiedenen kulturellen Lerngelegenheiten in den Elternhäusern den verbesserten schulischen Rahmenbedingungen zunehmend entgegen.  

Im Ergebnis führen diese beiden gegenläufigen Entwicklungen zu der anfänglichen Abnahme und in den letzten Jahren zu der neuerlichen Zunahme sozialer Ungleichheit in den Lesekompetenzen. Doch auch bei späteren Bildungsübergängen, etwa beim Start eines Studiums oder bei der Aufnahme einer Promotion, sehen wir verstärkt Ungleichheiten nach sozialer Herkunft. Insgesamt entsteht daher der Eindruck, dass sich die Ungleichheiten zwar in einzelnen Bereichen des Bildungssystems verringern, gleichzeitig jedoch an anderer Stelle zunehmen oder über neue Mechanismen zum Tragen kommen. Trotz veränderter Bildungsbedingungen erscheint das Phänomen daher bemerkenswert beständig. 

Die Ursachen: Der Blick richtet sich auch auf das Elternhaus 

Als zentrale Ursachen von Bildungsungleichheiten gelten unterschiedliche Kompetenzen der Schüler*innen (primäre Herkunftseffekte) sowie unterschiedliche Bildungsentscheidungen der Eltern (sekundäre Herkunftseffekte). Darüber hinaus werden in Teilen der Forschung auch sozial selektive Bewertungen durch Lehrkräfte als sogenannte tertiäre Herkunftseffekte diskutiert. 

Unsere Forschung macht deutlich, dass diese unterschiedlichen Perspektiven eng miteinander zusammenhängen. Um zu verstehen, wie Bildungsungleichheiten entstehen, haben wir die Einflussfaktoren mehrfach im Zeitverlauf betrachtet und aus einer Prozessperspektive die direkten sowie indirekten Wirkungszusammenhänge analysiert. 

Dabei zeigte sich zunächst, dass die sozialen Ungleichheiten beim Übergang auf das Gymnasium in erster Linie auf unterschiedliche Kompetenzen der Kinder zurückzuführen sind. Diese Unterschiede stehen aber in engem Zusammenhang mit den kulturellen Lerngelegenheiten im Elternhaus sowie den Leistungseinschätzungen und Erwartungshaltungen der Eltern. Es ist also von hoher Bedeutung, welcher Stellenwert Bildung im Elternhaus beigemessen wird und welche Anregung und Unterstützung das Kind erfährt, ob die Eltern dem Kind den Sprung auf das Gymnasium zutrauen und inwieweit sie ihr Kind in dieser Entscheidung bestärken. Zwar finden sich auch bei den Leistungsbewertungen durch Lehrkräfte Unterschiede nach sozialer Herkunft. Diese sind jedoch in weiten Teilen auf tatsächliche Kompetenzunterschiede der Schüler*innen zurückzuführen. Die Rolle der Lehrer*innen ist demnach eher vermittelnder Natur – nicht ursächlicher. 

Fazit: Schulen allein können soziale Unterschiede nicht ausgleichen 

Betrachtet man nun die besonders relevanten Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft, so fällt auf, dass diese zu großen Teilen bereits vor dem Schuleintritt bestehen. Schule trägt zwar maßgeblich dazu bei, dass sich die Unterschiede nicht im selbem Maße ausweiten. Allerdings gelingt es im Laufe der Schulzeit offenkundig nicht ausreichend, diese Unterschiede zu kompensieren oder sogar abzubauen. Darauf sollten Schulen künftig verstärkt hinwirken. Das werden sie aber allein nicht leisten können. Der Blick muss sich auch auf den Bereich der frühen Bildung richten, um gerade sprachliche Rückstände frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls mit Fördermaßnahmen ansetzen zu können.

Zugleich wurde deutlich, welch wichtige Rolle die sozial unterschiedlich geprägten Bildungs- und Leistungserwartungen der Eltern und die unterschiedlichen Lernbedingungen in den Familien spielen. Auch mit Blick auf die veränderten Herausforderungen im digitalen Zeitalter sind diese unterschiedlichen Bildungsbedingungen in den Familien von den Schulen zu berücksichtigen – allerdings können die Schulen hier ebenso keine Wunder bewirken. Angesichts der vielschichtigen Gemengelage benötigt ein nachhaltiger Ansatz zum Abbau von Bildungsungleichheiten ein engeres Zusammenspiel von Schule, Familie und außerschulischen Akteur*innen und damit möglicherweise auch eine engere Verknüpfung von Bildungs- mit Sozial- und Familienpolitik.

Weitere Informationen

Dr. Markus Lörz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DIPF-Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“. Dort leitet der Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher die Forschungsgruppe „EABU – Entstehung und Abbau von Bildungsungleichheiten im Kindes- und Jugendalter“. Dabei geht es um die Ursachen von Bildungsungleichheiten, ihre Entwicklung im Lauf der Zeit und die Chancen und Risiken, die die Digitalisierung für den Abbau der Ungleichheiten mit sich bringt.  

Über den „Impuls“ des DIPF: Mit diesem Format wenden sich führende Wissenschaftler*innen unseres Instituts an Entscheidungsträger*innen in Politik, Verwaltung und Praxis in der Bildung und an die breite bildungsinteressierte Öffentlichkeit. Die DIPF-Expert*innen bieten fundierte Anregungen und neue Perspektiven zu Herausforderungen im Bildungssystem. Mit diesen Denkanstößen will das Institut Debatten unterstützen oder anregen.