„Entwicklungskontexte noch stärker in den Blick nehmen“
Hallo Frau Anders, haben Sie sich schon gut an Ihrem neuen Arbeitsplatz eingerichtet?
Auf jeden Fall! Die Unterstützung durch meine Abteilung ist großartig und ich sitze in einem Büro mit einem fantastischen Blick auf Frankfurt. Beste Bedingungen, würde ich sagen.
Was Sie aus Ihrer Forschungslaufbahn mitgebracht haben, ist der Fokus auf die frühe Bildung. Woher rührt Ihr Interesse an diesem Thema?
Das nahm seinen Anfang, als ich 2006 in London am Institute of Education als wissenschaftliche Mitarbeiterin angefangen habe – im „Effective Provision of Preschool and Primary Education Project“, der damals größten Längsschnittstudie Europas. Wie der Name schon sagt, ging es um die Effekte vorschulischer Bildung. Das hat mich begeistert und nicht mehr losgelassen. Das Thema wurde dann auch in Deutschland immer relevanter.
Was Sie nun an ein Leibniz-Institut geführt hat: Warum haben Sie sich denn genau für das DIPF entschieden?
Das DIPF ist für hochrangige Bildungsforschung bekannt. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den vielen exzellenten Kolleg*innen hier und an der Goethe-Universität Frankfurt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass mit dem IDeA-Zentrum eine etablierte interdisziplinäre Infrastruktur zur Erforschung kindlicher Entwicklungsprozesse in meiner Abteilung verankert ist. Das alles bietet sehr gute Voraussetzungen, um das empirische Wissen zur frühen Bildung auszubauen.
Welche neuen Akzente möchten Sie gerne einbringen?
Zunächst werden wir viele Forschungsschwerpunkte der Abteilung, die unter der Leitung von Marcus Hasselhorn gesetzt wurden, weiterbearbeiten – zum Beispiel die individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ich möchte aber die Entwicklungskontexte noch stärker in den Blick nehmen, die Bildungs- und Lernumgebungen in den Familien und Kindertageseinrichtungen. Meine eigene Arbeitsgruppe wird sich hierbei auf die 0- bis 6-Jährigen konzentrieren.
Wie können wir frühe Bildung und den Zugang zu ihr so gestalten, dass gezielt Kinder davon profitieren, die zuhause nicht genug Anregung erhalten?
Inhaltlich treibt mich auch das Querschnittsthema der Chancengerechtigkeit um: Wie können wir frühe Bildung und den Zugang zu ihr so gestalten, dass gezielt Kinder davon profitieren, die zuhause nicht genug Anregung erhalten? Ich möchte zudem Bildung für soziale Kohäsion als einen Schwerpunkt einführen, zu dem es auch in den anderen Abteilungen einige Anknüpfungspunkte gibt.
Bei Kohäsion denkt man womöglich zunächst an den Physik-Unterricht und an Anziehungskräfte. Was bedeutet das im Bildungskontext?
Anziehungskräfte sind auch hier ein gutes Stichwort. Wir leben ja in einer Zeit vieler großer Krisen – von der Covid-Pandemie über den Ukraine-Krieg bis hin zu den Energiekrisen. Gleichzeitig scheint die Gesellschaft auseinanderzudriften. Das alles hat Einfluss auf die Kinder, was auch eine aktuelle Meta-Analyse von uns bestätigt: Demnach hat sich deren sozio-emotionale Entwicklung in der Zeit der Pandemie merklich verschlechtert. Die Krisen bringen auch viel Stress in die Familien. Daher stellt sich die Frage: Wie kann Bildung den sozialen Zusammenhalt stärken?
Ein Thema, das über die Bildungseinrichtungen hinaus in den Alltag von Kindern und Eltern hineinreicht: Können Sie mal anhand von ein, zwei Beispielvorhaben beschreiben, wie Sie das angehen?
In einer Kooperation mit „Sesame Workshop“ befassen wir uns damit, wie man sozio-emotionale Kompetenzen von Kindern im Kitaalter fördern kann. Dazu gehören Emotionsregulation, Perspektivübernahme oder prosoziales Verhalten, also Fähigkeiten, die für ein funktionierendes Miteinander wichtig sind. Dafür entwickeln wir einen onlinebasierten Elternkurs. Die Kooperation mit der Organisation „Sesame Workshop“, die eng mit der Sesamstraße verbunden ist, ist etwas Besonderes. Dadurch können wir zum Beispiel die Kursmodule mit den bekannten Sesamstraßen-Figuren lebendig gestalten oder sogar von Puppenspielern inszenierte Sketche einbauen. Nicht zuletzt bekommen wir über die Stiftung Zugang zu einem großen Netzwerk, dem Fußballvereine und ähnliche außerschulische Begegnungsorte angehören. So hoffen wir, die Familien zu erreichen, die man normalerweise nicht für Elternkurse gewinnt.
Ein weiteres Beispiel ist unsere Beteiligung an der Bremer Initiative zur Stärkung frühkindlicher Entwicklung, kurz BRISE. Hier untersuchen wir unter anderem die familiale Anregungsqualität, etwa wenn Eltern ihren Kindern aus Büchern vorlesen, sowie die Rolle von Kindertageseinrichtungen für das Fördern der Entwicklung. Wir betrachten zudem, wie die frühe Unterstützung der Familien und die anschließende Bildung in der Kita als Interventionskette wirken kann, die Bildungsungleichheiten bei den Kindern kompensiert und so zu mehr sozialer Kohäsion beitragen kann.
Bei den Entwicklungsstanderhebungen ist viel passiert, jetzt brauchen wir nur noch mehr anschließende Förderprogramme.
Letztlich hängt aber viel an der politischen Umsetzung. Was ist aus ihrer Sicht in der frühen Bildung zuletzt gut gelaufen und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Positiv ist, dass seit Langem intensiv versucht wird, die Qualität in der frühen Bildung und dabei gerade der Sprachbildung zu verbessern – mit Initiativen und Programmen auf Bundes- wie Landesebene. Die Diskussionen kreisen allerdings oft um strukturelle Aspekte wie den Fachkraft-Kind-Schlüssel, weniger aber um die Qualität, wie Fachkräfte mit den Kindern interagieren. Dabei ist diese Interaktionsqualität gerade für Kinder, die in ihren Familien nicht genügend Anregungen erhalten, besonders wichtig. Aber das System der frühen Bildung ist zuletzt massiv ausgebaut worden. In einem so expandierenden Bereich ist die Qualitätsentwicklung stets eine Herausforderung, übermäßige Kritik wäre daher unangebracht.
Es ist aber ein Problem, dass wir immer noch zwei Welten haben: Die in die Kinder- und Jugendhilfe eingebettete frühe Bildung und die Grundschulen als Teil des formalen Bildungssystems. Da bestehen verschiedene Bildungsverständnisse und Debatten darüber, wie die Bildung in der Kita und die Schulvorbereitung gestaltet sein sollten. Debatten, die wir uns nicht mehr leisten können. Daher ist es ein positiver Schritt, dass beide Bereiche auf Bundesebene in einem Ministerium zusammengeführt wurden. Auch bei den Entwicklungsstanderhebungen ist viel passiert, jetzt brauchen wir nur noch mehr anschließende Förderprogramme.
Woran hakt es denn noch bei den Kitas und Grundschulen?
Die Kitas sind seit Jahren mit vielen gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert, zum Beispiel mit einer zunehmenden Diversität der Kinder. Und das angesichts eines enormen Mangels an pädagogischen Fachkräften. Zugleich war die klassische westdeutsche Erzieherin lange gar nicht darauf eingestellt, Ein- und Zweijährige zu betreuen. Die Ausbildung ist generalistisch angelegt, sie qualifiziert für die Arbeit mit jungen Menschen von 0 bis 27 Jahren und frühe Bildung kann man nur als Schwerpunkt wählen. Und diese Erzieherinnen sollen dann Gitarre spielen, in unterschiedlichen Bildungsfeldern fördern und eine gute Zusammenarbeit mit den Familien gestalten. Für vieles Anderes, wie etwa das Vor- und Nachbereiten der Bildungsangebote, bleibt dann oft gar keine Zeit. Außerdem brauchen die Fachkräfte kontinuierliche Fort- und Weiterbildung und professionelle Unterstützung, beispielsweise bei der Digitalisierung.
Im Grundschulbereich besteht auch enormer Lehrkräftemangel. Dort ist man dann mit großen Kompetenzunterschieden konfrontiert, mit denen die Kinder aus den Kitas kommen – rund ein Viertel dürfte einen besonderen Förderbedarf haben. Da werden schnell Forderungen an die Kitas laut, die Kinder besser vorzubereiten. Aber auch die Schulen müssen sich anschlussfähiger aufstellen. Die können von den Kitas viel lernen, was etwa alltagsintegrierte Lehr-Lernformen für jüngere Kinder angeht, und müssen die Lehrpläne besser aufeinander abstimmen.
Haben Sie zum Abschluss noch einen persönlichen Wunsch für die frühe Bildung?
Ich wünsche mir, dass dieser Bereich sowohl von seinen Fachkräften als auch von allen anderen als Bildungsbereich ernstgenommen wird. Wenn das als Grundvoraussetzung gegeben wäre, hätten wir viele Probleme nicht.
