PISA 2025: Der Engpass im Bildungssystem liegt zwischen Wissen und Wirkung
Die Ergebnisse von PISA 2025 sind alarmierend. 15-Jährige in Deutschland erreichen in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen. Rund ein Viertel verfügt in den Naturwissenschaften nicht über sichere Basiskompetenzen, im Lesen und in Mathematik ist es etwa ein Drittel. Zugleich sind die Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft besonders groß und haben wieder zugenommen.
Die Befunde markieren keinen neuen „PISA-Schock“, und sie sind auch nicht überraschend. PISA 2022, die IQB-Bildungstrends, ICILS und der Nationale Bildungsbericht weisen seit Jahren in eine ähnliche Richtung. Entscheidend ist daher, welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen. Seit dem ersten PISA-Schock hat Deutschland vor allem gelernt, genauer hinzusehen: Bildungsstandards, Bildungsmonitoring und datengestützte Verfahren wurden ausgebaut. Das Wissen über die Probleme ist heute größer als je zuvor. Der entscheidende Engpass liegt deshalb nicht mehr im Erkennen, sondern darin, aus diesem Wissen verlässlich Wirkung entstehen zu lassen.
Die Bedingungen des Lernens haben sich seit den ersten PISA-Untersuchungen zwar verändert. Die sprachlichen, sozialen und fachlichen Voraussetzungen der Schüler*innen unterscheiden sich stärker, Schulen übernehmen zusätzliche Aufgaben und auch die Medien- und Lebenswelten junger Menschen wandeln sich. Diese Veränderungen erklären die deutschen Ergebnisse aber nicht zwangsläufig. Andere Bildungssysteme stehen ebenfalls vor erheblichen Herausforderungen und erzielen dennoch bessere Ergebnisse. Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich liegen etwa in den Naturwissenschaften vor Deutschland.
Nicht die Unterschiedlichkeit der Schüler*innen ist das Problem. Entscheidend ist, wie gut ein Bildungssystem mit unterschiedlichen Voraussetzungen umgeht und daraus verlässlich gute Lernbedingungen für alle schafft.
Genau hier sind weitere PISA-Befunde aufschlussreich. Schüler*innen in Deutschland beurteilen zentrale Merkmale der Unterrichtsqualität vergleichsweise ungünstig. Klassenführung und konstruktive Unterstützung durch die Lehrkraft werden schlechter eingeschätzt als im OECD-Durchschnitt; bei der kognitiven Aktivierung erreicht Deutschland durchschnittliche Werte. Das ist keine pauschale Kritik an Lehrkräften. Es verweist auf eine Systemfrage: Schaffen wir die Bedingungen, unter denen Lehrkräfte auch bei unterschiedlichen Lernvoraussetzungen dauerhaft guten Unterricht gestalten können?
Gute Bildung braucht beides: hochwertige Lerngelegenheiten und Bedingungen, unter denen alle Kinder und Jugendlichen diese auch nutzen können.
Zugleich beginnt erfolgreiches Lernen nicht erst mit gutem Fachunterricht. Schüler*innen müssen sich auf Lernen einlassen können, sich ihrer Schule zugehörig fühlen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Gerade bei solchen sozialen und motivationalen Voraussetzungen zeigen sich Unterschiede nach sozialer Herkunft. Zugleich haben Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Motivation einen positiven Effekt auf die fachlichen Kompetenzen.
Gute Bildung braucht deshalb beides: hochwertige Lerngelegenheiten und Bedingungen, unter denen alle Kinder und Jugendlichen diese auch nutzen können.
Dabei reichen schulische Antworten allein nicht immer aus. Sprachliche, soziale, gesundheitliche oder familiäre Belastungen folgen nicht den institutionellen Grenzen unseres Systems. Die Lebenslagen junger Menschen sind ganzheitlich, doch unsere Unterstützungssysteme sind häufig sektoral organisiert. Wo Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und weitere Akteure nebeneinander statt miteinander handeln, können genau dort Lücken entstehen, wo kontinuierliche Unterstützung besonders wichtig wäre.
PISA 2025 macht damit mehr sichtbar als ein Leistungs- und Ungleichheitsproblem. Es zeigt Brüche in der Wirkungskette unseres Bildungssystems. Der Engpass liegt zwischen Wissen und Wirkung: zwischen Diagnose und Förderung, Bedarf und Unterstützung, getrennten Zuständigkeiten und gemeinsamer Verantwortung, Unterricht und tatsächlichem Lernen, Umsetzung und Rückkopplung sowie erfolgreichen Projekten und dauerhaften Strukturen.
Sechs Verbindungen müssen verlässlicher werden
Von Diagnose zu Förderung. Wir brauchen nicht einfach mehr Tests. Wenn sprachliche, fachliche oder andere Entwicklungsbedarfe erkannt werden, muss daraus verbindlich Förderung folgen. Gerade frühe Diagnostik entfaltet nur dann Wirkung, wenn Unterstützung unmittelbar anschließt.
Von Bedarf zu Unterstützung. Gleiche Angebote reichen bei ungleichen Ausgangslagen nicht aus. Ressourcen, Personal und professionelle Unterstützung müssen systematisch dort ankommen, wo die Herausforderungen besonders groß sind.
Von getrennten Zuständigkeiten zu gemeinsamer Verantwortung. Gerade bei komplexeren Unterstützungsbedarfen braucht es verbindliche Kooperation zwischen Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und weiteren Akteuren. Unterstützung muss aus der Perspektive des jungen Menschen organisiert werden, nicht aus der Perspektive institutioneller Zuständigkeiten.
Von Unterricht zu tatsächlichem Lernen. Entscheidend ist nicht allein, ob gute Lernangebote vorhanden sind, sondern ob sie Schüler*innen unter ihren jeweiligen Voraussetzungen tatsächlich erreichen. Unterrichtsqualität und Lernvoraussetzungen müssen gemeinsam gedacht werden.
Von Umsetzung zu Rückkopplung. Maßnahmen dürfen nicht nur eingeführt werden. Wir müssen wissen, ob sie wirken, unter welchen Bedingungen sie wirken und wo nachgesteuert werden muss. Ein lernfähiges Bildungssystem beobachtet nicht nur die Leistungen seiner Schüler*innen, sondern auch die Wirkungen seines eigenen Handelns.
Von Projekten zu dauerhaften Strukturen. Gute Einzelmaßnahmen gibt es viele. Entscheidend ist, ob erfolgreiche Ansätze in Professionalisierung, Unterstützungsstrukturen und Regelprozesse übergehen. Sonst beginnt das System mit jedem neuen Programm wieder von vorn.
Das Startchancen-Programm kann hierfür zu einem wichtigen Testfall werden. Seine Bedeutung liegt nicht nur in zusätzlichen Mitteln für 4.000 Schulen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, aus bedarfsgerechter Förderung, professioneller Unterstützung und Schulentwicklung Strukturen entstehen zu lassen, die dauerhaft tragen.
PISA 2025 fordert deshalb nicht in erster Linie neue Maßnahmen. Es fordert funktionierende Verbindungen. Seit PISA 2000 hat Deutschland vor allem seine Diagnosefähigkeit ausgebaut. Der nächste Entwicklungsschritt muss darin bestehen, die Wirkungsfähigkeit des Bildungssystems zu erhöhen.
Nicht mehr Wissen ist der Engpass. Entscheidend ist, aus vorhandenem Wissen verlässlich bessere Lernbedingungen und bessere Bildungsergebnisse entstehen zu lassen.
